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Am Morgen

Und je mehr Tage in León dahinzogen, desto mehr schien mich die eigenartige Stimmung in der Stadt, welche mich anfangs so fasziniert und berührt hatte, runter zu ziehen. Vielleicht hat sie mich zu sehr berührt, wer weiß. Vielleicht lag jedoch auch noch was anderes in der Luft, wie gesagt, oftmals kommt mir das Leben vor wie ein Blindekuhspiel.

Das ist für mich so wie früher in jungen Jahren, wo ich verzweifelt versucht habe, die Fernsehantenne hin und her zu drehen, frenetisch und mit Blut und Schweiß auf meiner von Gräben durchzogenen Stirn, um endlich! RTL empfangen zu können. Das ist gemein! Mein bester Kumpel hat schon seit drei Wochen RTL!

Maske

Und dann dieses Glücksgefühl vollendeter Gnade und Friedens, als in all dem Rauschen und Schneegestöber auf der Mattscheibe tatsächlich einige unscharfe und verzogene Gestalten auszumachen waren; und wenn man sich ganz arg konzentrierte! Dann konnte man das Symbol des Senders in der linken oberen Bildschirmecke ausmachen. Oder war es rechts?

Wahrscheinlich trage ich deswegen heute eine Brille, naja.
Jedenfalls befand sich meine Laune im blinden Spiralflug nach unten, und nichts und niemand konnte mich davon befreien. Im Gegenteil, bis zu einem gewissen Grad lag es letzten Endes wirklich an den Leuten hier.

Standlweib

Jeden Abend ging ich zum Cena zu den Streetfood-Ständen, und jeden Abend, sobald ich mich in den Dunstkreis dieser seelenlosen, herablassenden und gierigen Schnepfen begab, die von den Dämpfen ihrer Grills wahrscheinlich schon ganz debil geworden sind, wurde ich unweigerlich von negativen Gedanken heimgesucht.

Selbst mein Buch machte mich aggressiv: Wie kann Gott nur so unfair gegenüber Adam und Eva sein? Wie kann Eva nur so einfältig sein und dann auch noch versuchen, Adam die Schuld zuzuschieben? Und wie schwanzgesteuert ist der eigentlich?
Bis ich mich wieder daran erinnerte, dass das ja alles nur Metaphern sind, und die wahrscheinlich auch noch verfälscht und verdreht.

Suche

Das Unheimliche daran war, dass, ob verfälscht oder nicht, derartige Geschichten tatsächlich etwas in mir triggern, einen Zorn und eine Wut, die mich mit demjenigen zu verbinden scheint, der die Geschichte so, wie sie heutzutage nun einmal dargestellt wird, geschrieben hat. Das ist verwirrend, da läuft es mir kalt den Rücken hinunter.

Wie auch immer, dieser bescheuerte Milton! Hätte der seinen scheiß Sexismus und Rassismus nicht im 17. Jahrhundert lassen können?? Und so ging es an einer Tour.
Ich malte mir ätzende Streitgespräche und Situationen aus, völlig beliebig und aus der Luft gegriffen, in denen ich irgendeinem Armleuchter gehörig die Meinung geige, Herrschaftszeiten.

Sonntag

Sobald ich mich aber von den Schnepfen weg bewegte, wurd’s mir wieder leichter um’s Herz. Wenn ich nicht so zwider gewesen wäre, durchaus interessanter Stoff für eine Studie etwa in der Art:
„Bis auf wie viel Meter kann sich ein Durchschnittsbürger mittleren Alters, männlich, circa 80 Kilo, ihnen nähern, ohne spontan nach seinem Schweizer Taschenmesser zu greifen?“

Da kann man jetzt fragen, wieso überhaupt immer wieder da hin gehen? Naja, so richtig gemerkt hab’ ich das erst nach dem zweiten Mal oder so und dachte, es wär’ Zufall. Beim dritten Mal stellte ich dann fest, dass es kein Zufall war, beim vierten Mal interessierte ich wie eben beschrieben rein wissenschaftlich und beim fünften Mal war Sonntag und nichts anderes offen.

Schalter

Wirklich, ich konnte nichts dagegen machen. Kein innerer Hebel griff, kein Schalter funktionierte, als ob es die Sicherung komplett rausgehauen hätte, im wahrsten Sinne. Hab’ versucht, mich auf meine Herzgegend zu konzentrieren, aber die schien sich mit wehenden Bannern mitverschworen zu haben und blanko Mordpläne zu schmieden.

Einmal gegen die Welt, ein anderes Mal gegen mich selbst. Nur weil ich an einem Abend eine falsche Entscheidung traf. Und was für eine Lappalie noch dazu! Aber das ist meinem eingebauten Inquisitor grad scheißegal.
Schuld und Selbstkritik, von Sühne keine Spur.

Bauchgefühl

Dabei dachte ich noch, ich hätte ganz brav nach meinem Bauchgefühl und meiner Menschenkenntnis entschieden, aber in dem Fall hatte es irgendwie nicht geklappt. Was ja eh mal sein kann, Herrgott!
Aber das brachte mich auf eine andere interessante Frage:

Bisher verwendete ich Begriffe wie „Bauchgefühl“, „Intuition“ oder „auf’s Herz hören“ mehr oder weniger synonym.
Was aber, wenn es tatsächlich einen Unterschied gibt zwischen dem, vielleicht eher prähistorischen und dahingehend „primitiveren“ Bauchgefühl und der höheren Intuition eines puren Herzens? (Wobei ich Bauchgefühl an dieser Stelle definitiv nicht gleichsetze mit animalischen Trieben oder ähnlichem, das erste ist schon noch cooler.)

Grün

Würde ja Sinn machen, immerhin sind sich die beiden zugehörigen Chakren ja auch nicht immer grün. Aber auf dieses Dilemma weiß ich beim besten Willen keine Antwort und lasse es, so wie es ist, frech und nonchalant im Raum stehen. Der weiß vielleicht am besten, wohin damit.

Aber so ist das. Manchmal läuft man auf alten, eingefahrenen Mechanismen, die so tiefe Furchen in den seelischen Boden gefräst haben, dass man aus dieser Spur einfach nicht ausbrechen kann.

Eingefahren

Aber warum? Warum haben sie sich überhaupt erst so eingegraben? Wieso hält man fest an Schmerz und an Schuldgefühlen? Weil man sie besser verstehen will? Um sie kontrollieren zu können? In dem Falle handelt es sich um eine gar feiste Falle. Ist es die Angst vor Verlust? Verlust der Kontrolle, was mir immer vorkommt wie ein Schlag in den Solarplexus?

Aber vielleicht ist gerade der Verlust, das „Los“lassen, das Fallenlassen, am Ende die Er“lös“ung.
Und wenn ich zwischendurch doch einmal genug innere Ruhe aufbringen konnte und es schaffte, wenigstens für ein paar Augenblicke auf mein Herz zu hören, so stellte ich dort eine eigenartige Gelassenheit fest.

Lassen

Das Problem ist nur, dass ich aus der alten Spur raus und in die neue rein muss. Und das scheint wiederum nur durch andauerndes Wiederholen möglich zu sein, wieder und wieder, so lange, bis man entweder daran krepiert oder es tatsächlich rafft, und dann ist einem glaub’ ich eh alles egal.

Und doch: Mein Herz kümmert es nicht, mein Herz berührt es nicht, mein Herz lässt es einfach sein.
Nun, manchmal ist der Zirkus ja ganz nett, aber manchmal ist er auch einfach nur zum Kotzen.

Einsamkeit

Ach so, und falls Ihr Euch fragt, ob ich in León nicht noch irgendwas unternommen hätte: …Nee – nee, nicht wirklich. Die Leichtigkeit des Seins in den Comedores und Cafés mit all ihren Leckereien (Alter! Seit Mexiko gab’s endlich wieder Rübli-Kuchen! Oah…) wich leider Gottes der Schwere des Herzens. Und wenn es irgendwann zu schwer wird, vielleicht geht es dann einfach nicht mehr auf.

Sei’s wie’s muss, ich hielt es nicht länger an diesem Ort aus und flüchtete in die Einsamkeit der Berge, in die frische Luft der Tannenzweige und Fichtennadeln, zum Krähen der Hähne und Grunzen der Schweine, doch all das gehört freilich in ein anderes Kapitel.

Café

Spuren

Innehalten

Stimmung

Weitergehen

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Bitte umblättern: Von Taranteln…