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Aussteiger-Traum

Unsere Autos hielten an einem Abgrund, vor mir die höchsten Gipfel des Dena-Massivs. Ich steige aus, gehe ein paar Meter zum Hang hin und stehe vor einer tiefen Senke, durch die sich rasch ein fern wispernder Gebirgsfluss schlängelt. Darum herum kleine Holzhüttchen und geschwungene Reisfelder.

Ich hätte am liebsten alles Stehen und Liegen lassen, um in Tom Bombadil-Manier singend und lachend in diesen rosaroten Aussteiger-Traum hinab zu dingelingen, mir eine Axt zu krallen und anzufangen, einen Baum zu fällen.

Passion

Aber ein erfahrener Reisender vergisst niemals seine Mahlzeiten. Es ist bald drei. Wollten wir nicht irgendwo einkehren? Als ich einen nahebeienen Hügel bestieg, kamen mir Mo’s Kumpel mit Totholz entgegen. Viel Holz. Verwirrt runzelte ich die Stirn, zuckte kurz mit den Schultern und marschierte fröhlich weiter.

Ich war an diesem Tag nicht der Schnellste. Meine gedankliche Reaktionszeit entsprach in etwa der eines Münchner Beamten beim Kreisverwaltungsreferat, der sich nicht entscheiden kann, ob er zuerst in seine Brezn beißen oder seinen Hosenstall zumachen soll.

Prasseln

Erst als die vier Jungs entspannt eine Picknick-Decke ausrollten, um sie mit Leckereien zu benetzen, wurde mir schlagartig klar, was hier gespielt wurde:
Die Iraner lieben es nämlich auch, zu picknicken. Und gleich daneben? Lag ein ordentlicher und angemessener Haufen aufgeschichtetes Holz für ein rrrrasselnd-prrrrrasselndes Lagerrrrfeuerrr!

Logo! Donnerstag! Jetzt ist alles klar: es war Wochenende. Voll ins Schwarze!
Ach, meine lieben Isar-Indianer. Wie liebend gern hätte ich Euch alle in dem Moment um mich gehabt. Echt Tom, das Holz ist hier so furztrocken, man muss es nur liebevoll anschaun und schon brennt es. Griabig fei, des sog i Dir.

Grillspeere

Hier an diesem mirgehendieWorteaus Flecken sollte schon bald eine Schar Hühner über der stiebenden Glut brutzeln. Tomaten nicht vergessen.
Als Fleischspieße benutzten sie formidable Dreizack-Lanzen, mit denen ich guten Gewissens in den Krieg gezogen wäre. Poseidon hätte vor Scham geweint. Gut, dass man das im Meer nicht sieht. Wie peinlich wäre das.

Das also ist Barbecue irani:
Man nehme einen großzügigen Fetzen Fladenbrot, belege ihn mit Zwiebeln, Minz-Yoghurt (wichtig), gegrillter Tomate und was einem sonst noch in die Finger kommt, falte den Götterhappen so gut als möglich zusammen und dann fein rein ins sabbernde Mäulchen.

Famos

Hier habe ich zum ersten Mal auch Dookh mit Kohlensäure probiert. Das schmeckt ganz schön scheiße.
…Habe ich überhaupt erklärt, was Dookh ist? Ja? – Nein? Ayran mit Minze, hammergeil. Am besten ohne Kohlensäure bestellen.

Wenn wir unterwegs waren, haben sich immer gleich unterschiedliche Freundes-Konstellationen an uns drangehängt, samt und sonders superlustige und endsliebe Leute. Aber ich hör jetzt auf, weil sonst denkt Ihr, der kifft doch nur die ganze Zeit.
…Dafür ist es eh zu spät, nicht wahr? Na, sei’s drum.

Custom Made

Zum Nachtisch bauten die Naturburschen eine Schaukel aus einem langen Seil (blau), das sie mehrmals um einen dicken Ast schlangen, Decke drauf und los geht die homegrown Extremsport-Variante: Ravine-Swinging, ein Höllenspaß.

Als krönenden Abschluss schauten wir am letzten Abend zusammen einen Indie-Streifen an Mo’s Rechner. – Hallo? Es wäre eine Sünde gewesen, das nicht zu tun. Außerdem waren wir von den ganzen Actions fix und foxi.

Und dann hieß es auch schon wieder Abschied nehmen. Und egal, wem von den Jungs ich die Hand zum Gruß reichte, es fühlte sich bei jedem einzelnen an, als ob ich einem langjährigen Freund Lebewohl sagen würde. Schnief.
So. Tränendrüse zu. In der ganzen Zeit hatte ich im übrigen keinen müden Riyal ausgegeben.

Nach Lordegan

Ok, stimmt nicht, etwa einen Euro für ein paar lächerliche Süßigkeiten als armseliges Symbol meiner Ergebenheit. Und selbst dazu musste ich ihn viermal überreden. Wahnsinn. Gut, dass ich mein fancy-pancy Lush-Duschzeug dort vergessen habe.
Man gönnt sich ja sonst nichts.

Zu guter Letzt setzte mich Mohammad in den Bus nach Lordegan, einer kleinen Zwischenstation auf meinem Weg nach Shushtar.
Und kaum stieg ich aus dem Savari, welches mich die letzten Kilometer in das kleine Nest brachte, hatte ich auch schon wieder einen interessierten Einheimischen an der Backe.

Au Backe

„Ob ich Lust auf einen Chai hätte?“ – „Nein danke.“ – „Doch, bitte.“ – „Neiiiin, das kann ich niemals nicht annehmen.“ – „Dochdochdoch“ …und so weiter.
Fünf Minuten später saß ich bei ihm daheim, umringt von kleinen Kindern und diversen Damen in farbenfrohen Kleidern, ein Zeugnis für den Umstand, dass in dieser Gegend noch einige Nomaden ummadum sind.

Das klingt romantischer als es heutzutage ist. Ähnlich wie in der Mongolei ziehen sie im 21. Jahrhundert eher mit Pick-Ups durch die Gegend als auf die althergebrachte Weise. Aber die bunten Röcke sind mir schon in Yasuj aufgefallen, wenn sie nicht grade von biederen Chadors (die klassischen schwarzen Umhänge) verdeckt wurden.

Verpflichtungen

Aus dem Tee wurde erwartungsgemäß ein ausgewachsenes Mittagessen, zubereitet von einer von drei Ehefrauen meines neuen Freundes. Das gab’s also schon noch. Nach der letzten Chai-Infusion lud er mich wohl auch ein, bei ihm zu übernachten, aber hier lernte ich den letzten Kniff dieses kapriziösen Höflichkeitssystems.

Es ist nämlich so. Die Leute hier sind mehr oder weniger freudig verpflichtet, einem Reisenden oder Zufallsbegegnenden ihr Heim als Obdach anzubieten, selbst wenn sie ärmer sind als ein verlaust-verranzter Straßenköter. Deswegen sollte man auch tunlichst nicht gleich beim ersten Angebot zusagen, denn dann könnten sie mangels Mitteln ganz schön ins Schwitzen kommen.

Hintertüre

Es kann natürlich auch sein, dass es ihnen grade nicht in den Kram passt oder sie nicht ernstlich Bock drauf haben, was auch vollkommen in Ordnung ist.
Nur dürften sie das niemals offen sagen, ohne auf ewig ihr Gesicht zu verlieren. Also gebietet es die Höflichkeit, ihnen dieses Hintertürchen für jedweden Hinderungsgrund offen zu halten.

Um ganz sicher zu gehen, dass es der Gegenüber ernst meint, ist es von daher am besten, mindestens zweimal abzulehnen. Wenn er dann immer noch eifrig mit seinen Armen wedelt, will er es wirklich oder wird irgendwann zurecht ausselektiert.

Über Nacht

Ich denke, in vielen Ländern sind solche Floskeln mittlerweile veraltet, aber hier konnte ich diesen eigentümlichen Mechanismus tatsächlich in Aktion sehen.

Den Chai gleich ausgedehntes Essen mit Vorzeigefunktion vor den Nachbarn nahm er demgemäß gerne auf sich, aber als ich sein Angebot, über Nacht bei ihm zu bleiben, einmal ausschlug, lehnte er sich entspannt zurück und war es zufrieden.
Also übernachtete ich in einer heruntergekommenen Klitsche. Macht nichts, sie war billig und hat ihre Funktion damit voll und ganz erfüllt.

 

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