12

Dez

Seniorenheim für alte Dämonen: Kassen überlastet

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Launische Physik…
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Offen

Habt Ihr mal Lust auf einen etwas klassischeren Übergang?
… Das Land begann sich allmählich zu verändern. Bisher herrschten Ebenen mit dichtem Buschwerk vor, das ganz Yucatán zu bedecken schien und die Busfahrten dahingehend etwas eintönig werden ließ. Dafür aber gab es auf den Monitoren im ADO herrliche Hollywood-Schinken auf Spanisch, das ist sowieso viel sicherer als die Welt da draußen.

Abwechslung

Doch nun fraßen sich immer öfter breite Schneisen in den Dschungel und gaben den Blick frei auf bestellte Wiesen und Felder, vereinzelte Bauernhöfe, Strommasten, die knisternden Segel unserer kränkelnden Zivilisation, und kleine, vom Rest der Welt vergessene Dörfer, deren Wellblechdächer sich leidlich, doch störrisch gegen die grüne Übermacht stemmen.

Die Straße in den Bundesstaat Chiapas führte geraume Zeit lang an der überwiegend nüchternen Nordküste der Halbinsel entlang, doch war es eine willkommene Abwechslung für mein trübes Auge, ich lockerte vorsichtig das Holster meines Kameragürtels.
Fischerboote mit ausgeworfenen Angeln, Holzstege, auf deren Pfosten Möwen und Pelikane mit Leichtigkeit und Arroganz balancierten, einige windige Holzhütten für einen kleinen Imbiss, kann man machen.

Pirates, ye be warned

Die lange Fahrt nach Palenque teilte ich in zwei Hälften und machte unterwegs Halt in Campeche, einer von außen eher tristen und unscheinbaren Kleinstadt, die jedoch über eine putzige Altstadt verfügt, umgeben von den Überbleibseln dicker Stadtmauern.
Diese wurden anscheinend vor allem der dazumal wütenden Piraten wegen um den heutigen Ortskern gezogen. Yoho, me hearties!

Es gab sogar einen Piratenladen, von dem ich mir das eine oder andere Upgrade für mein Kostüm erhoffte, aber da drin gab’s nur Schrott. Arg viel sonst gab es nicht zu tun außer durch die adretten Sträßchen zu pilgern auf der Suche nach Leben. Das Schloss war viel zu weit weg, 4km etwa, und für weitere Ruinen hätte ich sogar in einen Bus steigen müssen. Viel zu anstrengend.

Vergangenheit

Bis auf die von schwarz geschwungenen Laternen gesäumten kleinen Kopfsteinreiche, deren bunte Fassaden sich dicht aneinander drängen – vielleicht aus Angst vor der einen oder anderen dräuenden Kirche – schien Campeche also nicht sehr viel herzugeben für eher gelinde interessierte Entdecker. Gut, bleib’ ich schon nicht allzu lange hier hängen.

Sendbote

Teh! Hört mal, am Abend meiner Ankunft platzte ich übrigens ganz nonchalant in ein Air B’n’B-Apartment, dass ich in meiner Blauäugigkeit doch glatt für ein etwas unscheinbares Guest House gehalten hatte. Der Kunde blickte etwas konsterniert, blieb aber höflich, behielt seine Fassung und gab mir eloquent zu verstehen, dass sie den Laden hier im übrigen privat gemietet hätten.

Also zog ich weiter. In der einzigen – und bisher einfachsten – Backpacker-Klitsche die das Centro Histórico hergab, lernte ich Marc kennen, mit dem ich ein paar Geschichten des Lebens wälzte.
Der war doch glatt aus England!

Schwarz geschwungen

Ey, jetzt mal ehrlich, seht Ihr daheim noch Leute auf den Straßen? Kippt Mitteleuropa langsam nach Süden? Das ist der schiere Wahnsinn! Ich mein herrgott, ich bin es ja nun mehr als gewöhnt, überall Deutsche zu treffen, wo ich hinkomme. Ich habe mich vorsichtig damit arrangiert und bei dem Gedanken, erneut darüber herzuziehen, fallen mir vor Überdruss und Langeweile die Schultern aus den Gelenken.

Aber was hier abgeht, ist doch tatsächlich vom anderen Stern. Ich überlege mir mittlerweile ohne Scheiß, ob ich eine fremde Person nicht erst mal auf Deutsch anquatschen soll anstatt auf Englisch, das erscheint mir zurzeit sinnvoller. In Chile muss es noch schlimmer sein, meinte ein junger Bursche aus Ingolstadt. Der findet‘s hier in Mexiko im übrigen ganz okay. Ganz okay??!! Alter, was geht dann erst dorten ab??

Schattenpause

Ich glaube, ich habe mittlerweile alle Dialekte und größeren Kreisstädte der Bundesrepublik durch; und wir beschweren uns über Flüchtlinge. Aber der hat auch so ’nen Bart, also fang’ ich gar nicht erst an.
Obwohl, in Campeche geht es eigentlich. Nur ein gefährlich sympathisches Pärchen aus Mün- GNN! ster- pfFFUUUU!!!! treibt hier sein Unwesen, ansonsten hielt ich meinen Puls konstant auf 64.

Je weiter ich mich von der Halbinsel entferne, desto geringer scheinen die Touristenströme im Allgemeinen zu werden, wie kleine Bäche, die sich heimlich in den Bergen sammeln und zum Meer hin immer größer und breiter anschwellen. Das gilt für Touristen als Masse wie für den einzelnen.

Außen, aber innen

So ließ ich mich einige Tage lang durch die Gassen treiben, den Blick überall und den Kopf nirgendwo.
Doch je mehr Leute ich treffe, desto mehr Ideen häufen sich an und fressen sich immer gieriger durch meinen üppigen Zeitvorrat. Als Folge nimmt die Dichte meiner Gedanken- und Gefühlswelt wieder mehr zu mit dem Ergebnis, dass sich auch die äußere Welt schwerer und drückender anfühlt. Zweifel und Möglichkeiten steigen auf wie traumgefüllte Seifenblasen und und verschleiern mir den Blick auf die Gegenwart. Alles drängt und summst und will Atteeeeention!

Gänsehaut

Und bei den Gassen beließ ich es auch, da mein Experiment, über eine sechsspurige Fahrbahn zu hoppeln und an der Küstenmeile entlang zu flanieren, fehlschlug. Da war Meer, aber es war mir, als ob ich den Charme alter kolonialer Vergangenheit gegen kalten neuzeitlichen Hafenkitsch eingetauscht hätte; ohne Geschmack, doch mit dem Gestank vermodernden Fischs.

Sehr geschmackvoll wiederum wurden die Kirche und die den zentralen Platz umgebenden Gebäude des Nachts beleuchtet, ähnlich zum Schwärmen einladend wie die bezaubernden Brücken in Esfahan. Von meinem Balkon im Monkey Hostel hatte ich einen schönen Blick auf die vorbeiführende Calle 10, Peoplewatching vom Feinsten.

Kunst

Manchmal, wenn ich so dasitze, frage ich mich, wie das Leben der Passanten unter mir wohl aussehen mag. Was passiert in ihrem Alltag, wer sind ihre Freunde, in welcher Spelunke ertrinken sie ihre nagenden Probleme und Sorgen, was furzt in ihrem Kopf herum?

Sind es komplett andere Gedankengänge und Vorstellungswelten, oder ist es am Ende derselbe Mist, sind es die gleichen funkelnden Sternschnuppen wie in meinem, nur anders gefärbt vielleicht?
Manchmal würde ich am liebsten in ihre Köpfe kriechen wie der Typ in „Being John Malkovich“. Das ist ein ganz schön komisches und mulmiges Gefühl, aber auch seltsam anziehend.

Erste Reihe

Wie dem auch sei, der Schuppen war wirklich sehr basic, erinnerte eher an eine umfunktionierte und mit wifi verwanzte Billigpension, ähnlich gesprächig erschien der gelangweilte Rezeptionist, während seine hilfsbereite Kollegin wenigstens ein Lächeln in ihr Gesicht schummeln konnte.

 

 

 

 

Momente

 

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Bitte umblättern: Stille Sirenen…

    Comments (2)

  1. Südafrika ist auch voller Deutscher. So ist das nunmal. Große Wirtschaftsmacht. Starke Währung, schlechtes Wetter und mehr Urlaub als der Weltdurchschnitt. Da ist es beinahe logisch überall auf sie zu stossen. Ich finde es nicht weiter schlimm.
    Ich finde die Groteskschrift Deines Blogs ganz toll übrigens!

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    • Ach herrje. Ursache und Wirkung, es gibt kein Entrinnen. 😉 In Wirklichkeit ist es mir gleichwohl gleich, aber es amüsiert mich und ich reite gern darauf herum. Im übrigen vielen Dank für die Blumen! 🙂

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