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Jun

Das Lied vom Podest

Letzte Woche auf der Straße
Sah ich im grauen Grase
Im Vorbeigehn ein Podest.

Wie es funkelte im Dämmerlicht!
Ob es nur hält, was es verspricht?
Doch ich bestand den Test

Und ließ es liegen,
Mocht es sich
Auch noch so sehr verbiegen.

Viele mögen ihre Augen weiden,
Doch ich kann und mag’s nicht leiden.
Denn nur scheinbar leiht es Macht,
Und gibt man keine Acht,

Stürzt die Welt in Ungleichheit,
Im Dornenkranz von Fröhlichkeit.
Denn jenes unheimliche Pfund
Wird ganz schnell zu einem Schlund,

Und ändert wie ein Lustgewand
Seinen Aggregatzustand:
Eben noch hart wie Diamant,
Nunmehr tödlicher Treibsand.

Kein Finder und kein Lohn,
Saugend schwindet Ambition,
Bis dass alles Licht verschluckt’
Und kein Lungenbaum mehr zuckt.

Ob im trauten Heim zu zweit
Ob in lärmenden Arenen,
Stets hält sich der Narr bereit
Und singt sein Lied von den Sirenen.

Hinauf! Hinauf! Die Ruhmes Leiter:
Immer schneller, höher, weiter!
Lustvolles Kämpfen, Fighten, Streiten,
Aber was ist mit dem Zweiten?

Erkenntnis ihm dämmert in der Pleite:
Die Medaille hat noch eine zweite Seite!
Hehres Symbol des Menschen Streben
Nach dem Besten, nach Vervollkommnung!

Kann es sein, ist das der Sinn im Leben?
Oder hat die Schüssel einen Sprung?

Wann immer Gottes Liebe in uns sang,
Wurd’s unsren Seelen allzu bang,
So dass mit brausend, tosend Klang
Der Altvordre aus der Brust uns sprang.

Der stille Keim für Leid und Sorgen,
Für Krieg und blut’gen Morgen,
Ward schon dazumal gelegt
Und wird wie ein Schatz gehegt.

Seit dieser Zeit nun sucht
Der Mensch nach seinem Tempel
Und windet, zerrt und flucht!
Denn auf alles muss sein Stempel.

Doch einen Flecken sieht er nicht,
Und sei es in hellem Tageslicht:
Die Lösung seines Rätsels Siegel
Lag immerzu in seinem Spiegel.

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