20

Dez

Die Welt neigt sich und war still: Von Gegenwarten

Anknipsen

Es gibt diese Momente.
Diesen kleinen Augenblick, in dem jemand oder etwas ein Licht anknipst. Wo die Zeit stehen bleibt und die Welt ein klein wenig näher rückt. Momente, die mich berühren und mein Herz aufschließen. Erst ist es kalt, doch plötzlich wird es warm, wie mein Kumpel in Barcelona es ausdrückte.

Eine Verbindung wird (wieder) hergestellt, und es kommt mir vor wie eine kleine, geborgene Insel im Meer der Zerrissenheit. Davon gab es durchaus ein paar während meiner Tage im vorweihnachtlichen Barna.

Bunte Leuchtkugeln über den Straßen, auf dem Jaume waren überlebensgroße und dadurch karikierte Möbelstücke aufgebaut. Ein Esstisch mit Weingläsern wie monströsen Kelchen, die auch Beorn zur Ehre gereicht hätten. Ein letztes Abendmahl für Giganten, die nicht mehr sind; allein, man durfte nicht auf den Thron des Erlösers klettern, eine rot-weiße Kette mit der Aufschrift:

„Prohibido“ erwehrte sich diesem Schabernack.

Egal

Zum Beispiel gab es diesen goldenen Vormittag auf der Dachterrasse meines Kompagnons, wo wir uns rüstig in den Wind luvten und ein fast vollständiges Weißwurstfrühstück zu uns nahmen, während sich das Licht der winterlichen Sonne in unseren beinahe authentischen Weißbiergläsern spiegelte.
Scheiß auf regionale Küche.

Das schien der grauschwarz gebackenen Kathedrale am „Plaça Sant Josep de Oriol“ auch grad egal zu sein. Bayrische Gemütlichkeit wehte über katalonischen Fahnen, zwischen denen niederträchtige Möwen vom nahen Meer den Tauben nachjagten; weit unter uns tröpfelten die Klänge und Gesänge der Straßenkünstler im Hintergrundrauschen der Passanten.

Luven

Dem obigen Thema folgend saßen wir am Abend vor meinem Rückflug in einem American Diner und verputzten opulente Burger mit würzig knusprigen Pommes. Ähnlich frech und einnehmend wie Elvis grinste mich ein bisschen rosanes Tartar aus dem dunklen, ansonsten gut durchgebratenen Kokon des sämigen Rindfleischs an, das wie zartes Vanille-Eis in unseren Mäulern zerrann.

Auf unserem Tisch stand eine kleine Jukebox aus Plastik, auf der man alle möglichen Knöpfe drücken konnte. Neben uns im zwergischen Schaufenster befanden sich weiß linierte Kärtchen mit Song-Ttiteln und Bandnamen wie „Eddie Rabbit“, die „Oak Ridge Boys“, „Heatwave“ oder „Anne Murphy“; grauenhafter Retro-Pop. Gott sei Dank waren die nur Deko.

Häuserwände

Stattdessen fächelten die sanften Klänge der Originalversion von „Stand by Me“ durch den Äther – oder war es am Ende doch ein Cover?
Bei so manchen Songs weiß man das ja nicht. Immer wenn man denkt, man hätte endlich das Original entdeckt, stellt sich irgendwann heraus, dass es doch eine noch ältere Version davon gibt, bis man gefühlt in der Prähistorie des Rhythm & Blues gelandet ist.

Das ist wohl so ähnlich wie die Suche nach immer kleineren Elementarteilchen. Immer wenn man meint, noch fundamentaler könne es nicht mehr werden, spritzt ein neues aus einer der gewollten Massenkarambolagen im CERN-Reaktor hervor.

Wir saßen in einer dieser Banknischen, die für amerikanische Diners so typisch sind. Die Wände des Restaurants waren zugekleistert mit Blechschildern aus den 50er und 60er Jahren: Aufschriften mit „Route 66“, „Coca-Cola“ oder „Union Pacific“ prangten dort in vermeintlich jugendhafter Unschuld. An der gegenüberliegenden Seite waren riesige Filmplakate von alten Klassikern wie „War of the Worlds“ und „Attack of the 50ft. Woman“ in blutroter Horrorschrift aufgespannt.

Ducken

Das Chrome der Stühle bog sich all seiner Prüderie zum Trotz lasziv um hellblaues Glanzleder, das ähnlich geformt zu sein schien wie der uniformierte Schoß der aufreizenden Pin-Up-Matrosin direkt über mir.
Ich trank einen Schluck von meinem würzigen, prickelnden Märzen-Bier und war einfach… glücklich.

Wie in dem kleinen Laden hinter der „Laietana“, das sich im Wirrwarr aus engen Gässchen mit Kunsthandwerkerläden und Cafés in eine kleine Nische duckte. Über ihm ragten Häuserwände empor mit süßen Balkonen und grünen Hängepflanzen, das mir vorkam wie das entrückte Dach einer zaubrischen Welt.

Der Milchschaum meines Cappuccinos bitzelte angenehm auf der Zunge, während ich mit meinen Fingern sanft über die raue Seite meines Paperbacks strich. Das schummrige Zimmer aus gemütlichen Sitzgelegenheiten, scheinbar bunt zusammengewürfelt aus Flohmärkten und Wohnungsauflösungen, verschwamm beinahe im sacht wogenden Licht einer Atmosphäre, die sich anfühlte wie ein flauschiger Wollschal.

Entrückt

Es fühlte sich an wie der Moment zwischen zwei Folgen von „Stranger Things“, als wir bei Kerzenlicht in der abendlichen Küche von Petars Bude standen, adrett verschnürt in Gammelklamotten und Wollsocken, und vor lauter Wohlgefallen nicht wussten, ob wir als nächstes ein Baguette mit Räucherschinken, ofengebackene Paprika-Chips, griechischen Yoghurt mit Stracciatella oder einfach nur sündhaft pures Nutella mit Löffeln verspeisen sollten.

Stundenlanges Binge-Glotzen als Gegenmittel zu einer durchtanzten Nacht davor. Genauso schön, aber ganz anders, nämlich:
Wenn die Stimmung auf der Tanzfläche kippt, der Beat fast unmerklich wechselt und das Leben wie eine magische Flutwelle durch die Menge saust und Raum und Körper vor aufgestauter Energie plötzlich explodieren!

Erinnerungen

Aber warum fühlen sich manche Situationen in unserem Leben so an, und andere nicht? Sind das nur alte Prägungen und kindliche Erinnerungen an eine scheinbar heile und geborgene Welt? Lösen „Gewohnheiten“ solcher Art schlicht und einfach Gefühle des Wohlbefindens und der Glückseligkeit in uns aus?

Vielleicht, aber ich denke, Petar hatte am Ende vollkommen Recht, als er sagte, dass das Jetzt schlicht und einfach realer sei als die Vergangenheit. Wenn man eben nicht davon behaftet ist oder von wortwörtlich abwegigen Gedanken umwölkt und abgelenkt wird, seien sie nun nach vorne, nach hinten oder zur Seite und auf gänzlich andere Themen gerichtet.

Das lässt sich schwer debattieren. Selbstverständlich kann nichts realer sein als die Gegenwart, die wir in diesem Moment erleben. Die Vergangenheit mit all ihren eingeschnürten und verpackten Erinnerungen erscheint dagegen emotional ge- oder verfärbt, gemindshoppte Erfahrungen, die so vielleicht gar nie existierten.

Für mich wiederum bedeutet es, dass egal, wie man es anstellen, erklären und mithin auf den Boden unserer nüchternen und geschmacklosen Tatsachen holen mag, man kann derartige Momente ihres Zaubers nicht berauben, einfach, weil sie wirklich sind und wirklich erlebt werden.

Wirklich

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