19

Mai

Gestrandet in Kälte – Von Talwächtern & Assassinen

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Sinnesfreuden…
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Pass

Einen Guide allein zu bezahlen, war jedoch viel zu teuer – oftmals der Preis für antizyklisches Reisen, also beschloss ich, einfach mal mit dem Sammeltaxi ins Tal der Assassinen zu fahren und die Lage vor Ort abzutasten.

Der berüchtigte Ausdruck geht im übrigen zurück auf die dort im 12. Jahrhundert agierende schiitische Sekte der Ismailiten, die von ihren uneinnehmbaren (aber sag das mal den Mongolen) Bergfestungen im Alamut-Tal aus politische Morde verübten.

Einst stolz

Um diese ihrer Ansicht nach hochheilige Vorbereitung auf das Paradies zu veredeln, nahmen die Attentäter der Legende nach vor den Anschlägen eine angemessene Portion Haschisch zu sich. Aus den „Hashish-iyan“ (Haschisch-Essern) wurde so im Englischen der düstere „assassin“.

Andere Autoren jedoch glauben, dass dieser Drogenunfug lediglich in die Welt gesetzt wurde, um jene freidenkerische und prowissenschaftliche, jedoch leider Allahs radikale Splittergruppe des Islam zu verunglimpfen.
Bitte, sucht es Euch aus. Doch wie man es auch dreht, ich finde beides durchaus amüsant.

Ich ließ mich in das auf knapp 2.000 Meter hoch gelegene Dörfchen Ghazor Khan schippern, direkt unter einem dramatisch aufragenden Felsen gelegen, auf seiner Kuppe zuuufällig mit den Resten einer dieser alten Festungen versehen und laut Reiseführer Ausgangspunkt für idyllische Wanderungen.

Im Schatten

Dieses eine Mal hatte er wohl nicht unrecht, denn es war wirklich ein zauberhaft ruhiger und zurückgezogener Ort inmitten des breit eingeschnittenen Tales und seinen in den Himmel strebenden, mit puderzuckerweißem Schnee bedeckten Gipfeln.

Aber es war aff-en-kalt. Ich checkte in ein unbeheiztes Zimmer eines sehr rustikalen Hotel-slash-Homestays ein, in dem es noch klappernder war als draußen im Sonnenlicht. Ich verzehrte ein karges Nachmittagsmahl und fragte mich tiefgründig, was zur HÖLLE ich hier eigentlich sollte.

Balkon

Mein Körper begann, nur noch die lebensnotwendigen Organe mit Energie zu versorgen, ich kauerte verloren und verlassen in einer Ecke meiner Zelle, mein Ordeur feierte noch immer Bergfest, und mir ging es hundsmiserabel.

Aber es hilft ja nix. Um die zehrende Kälte und Schwärze aus meinem Inneren zu vertreiben, matschte ich schlurfend hinauf auf den Felsen, um mir die legendäre Feste wenigstens einmal etwas genauer anzuschauen.

Bis auf ein paar bröckelnde Mauern, die wohl von einem verzweifelten und scheinbar amateurhaften Irrwerk aus Stahl, Holz und Wellblech vor dem endgültigen Zerfall bewahrt werden sollte und unter dem das eigentliche Bauwerk regelrecht erstickt wurde, war wirklich nicht viel zu erkennen.

Korsett

Dafür jedoch war die Aussicht von diesem natürlichen Talwächter umso erhebender und großartiger. Ich setzte mich so gut es ging der schmeichelnden Sonne aus, rauchte eine vermaledeite „Winston“, atmete tief durch und versuchte, meine negativ aufgewühlte Gedankenwelt zu beruhigen. Wartete auf den Sonnenuntergang.

Da plötzlich stiefelte ein Tourist mit fetter Kamera in mein Blickfeld!
Ich musste zweimal blinzeln. Tatsache, ein Westler. Unerhört. Michael aus Osnabrück, warum nicht.

Licht

Er ist mit seinem Campervan quer durch Zentralasien unterwegs und lud mich auf einen liebevoll geschäumten Bohnenkaffee ein. Der Freak hatte sogar eine handbekurbelte Kaffeemühle dabei.
Man sieht ja alles Mögliche in seinem Leben.

Das lebensspendende Heißgetränk sowie die entspannten Unterhaltungen über allen möglichen durch- und hintergründigen Reisefirlefanz vertrieben auch die letzten schwärenden Qualmwolken in meiner Seele und ließen mich den leuchtenden Horizont am Ende des Nichts wieder kosten.

Morgen früh düse er wieder ab Richtung Qazvin. Er habe zwar gern seine Ruhe, sei aber trotzdem gern bereit, mich mitzunehmen, wenn ich denn pünktlich auf der Matte stünde. Ohne Zweifel: er war Deutscher.
Ihn strenge dieses Land mindestens genauso an wie mich. Ich hatte einen Bruder gefunden für einen Tag.

Glut

Ich spielte zwar immer noch mit dem Gedanken, ein wenig durch dieses bildhübsche Tal zu scharwenzeln; in der Tat fühlte ich mich am nächsten Morgen trotz einer eher grottigen Nacht unter drei dicken Decken durchaus dazu in der Lage.

Aber um das bei Temperaturen kurz über Gefrierbrand aushalten zu können, müsste die Sonne als notwendig hinreichende Bedingung unaufhörlich brüten in einer Bergregion mit hoher Regenwahrscheinlichkeit. Dazu keinerlei Infrastruktur oder Orientierungsmöglichkeit außer der sich durch den Talboden windenden Straße, nur die brennende Glut im Herzen.

Weiter

Mmmmnein. Meine Wanderschuhe zuckten in einem erbärmlichen Heulkrampf und mein Entdeckerherz blutete heftig, als ich während der Rückfahrt auf dem wohlig beheizten Beifahrersitz saß, aber es machte um diese Jahreszeit einfach keinen Sinn.
Meinte zumindest meine linke Gehirnhälfte. Wer weiß…

Doch die Würfel sind gefallen! Zurück nach Qazvin und auf, auf! Weiterrrrr brausennn mausend pardauzend über Straßen sausen!

Eingeschnitten

Warten

 

 

 

 

 

 

 

Zu viel Haschisch

Wächter

 

 

 

 

 

Kaffee

Schwinden

Höhen

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Bitte umblättern: Dunkle Gedanken…

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