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Apr

Ilias: Vorbereitungen auf eine lange Reise

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: „Hitlerr kaputt“…
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– Eine Abhandlung über die Etickette russischen Bahnhofzeremoniells –

Zurück

Kak dela“? (Loift alles?)
So, meine lieben Freunde, so langsam geht es ans Eingemachte.
Um jedoch dieses Thema gebührend und in seiner ganzen Tragweite behandeln zu können, muss ich zurückgehen in der Zeit.

Zurück nach Sankt Petersburg, wo unsere denkwürdige Reise begann. Denn mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren bedeutet nicht nur, tagelang aus dem Fenster auf zu starren und der Tundra beim Schmelzen zuzusehen. Neinnein, die (Individual-) Reise beginnt in Wirklichkeit am Ticketschalter der Russischen Bahn.

Schmelzen

Ein Wort vorab: ohne Russisch geht hier erst einmal gar nichts. An dieser Stelle möchte ich also ein großes Lob aussprechen an meinen Bundesgenossen Arnold, der all sein verknöchertes Schul-Russisch aufbot und mit Bravour! (sowie einigen wohl verdienten Schweißperlen) eine Sprachbarriere nach der anderen nahm.

In unseren Breiten geht das ja so: Ticketautomat, Datum, Ziel, Klasse, Preis, fertig.
Dort hingegen erinnerte der Vorgang schon eher an ein religiöses Ritual. Auf gut deutsch: man opfert Nerven. Und Zeit. Viel Zeit.

Bahnhof

An den größeren Moskauer Bahnhöfen hatten mittlerweile durchaus funktionstüchtige Automaten Einzug gehalten, aber a) waren das bislang noch die einzigen und b) erwiesen sich die Locals als bei weitem nicht daran gewöhnt, geschweige denn, dass sie die hierfür notwendige Kreditkarte besaßen.

Das bedeutete unterm Strich, dass man gut und gerne einmal eine Stunde für eine Audienz am Schalter warten musste. Wenn man zu zweit ist, kann man zum Zeitvertreib ein Spiel spielen, indem man sich an verschiedenen Schlangen anstellt und Wetten abschließt, welche von beiden schneller wächst. Eine durchaus gängige und darüber hinaus vollkommen legitime Strategie unter Einheimischen.

Kehrseite

An der Stelle kehrte sich auch des öfteren eine unangenehme Kehrseite der russischen Persönlichkeit hervor, denn das subtile, ja, fast schon vornehme Vordrängeln gehörte dabei anscheinend zum guten Ton. Wahrscheinlich hatten die das in Zeiten der Sowjetunion gelernt. Das Warten bot jedoch auch Gelegenheit zu einem angeregten Plausch, wenn man der Sprache denn mächtig war.

Schabracken

Wird man jedoch huldvoll zum Schalterbeamten vorgelassen, so hatte man diesem ehrerbietig seinen Reisepass zu opfern, denn auf dem Ticket wurden sämtliche personenbezogenen Daten vermerkt inklusive dem Geburtsort.

Vielleicht zog die russische Regierung es ja vor, im Falle einer eventuellen Spionagetätigkeit großflächige Vergeltungsschläge zu führen – was sich nach meinem Dafürhalten im Falle von „Heidenheim (an der Brenz)“ allerdings nicht wirklich lohnen täte, im Gegenteil, vielmehr bedeutete es das Ende eines stadtplanerischen Fallouts.

Da der Beamten die Reisepässe von zwei so ausländischen Schabracken wie uns zunächst einmal spanisch vorkommen musste und sie lediglich ein sehr gemächliches, vorsichtiges Einfingersystem beim Tippen beherrschte, dauerte das schon mal seine Zeit.
Jesses, selbst das Neuron eines phlegmatischen Faultiers feuert schneller.

Sonnig

Nun waren wir an jenem sonnigen Tag in Petersburg aber besonders motiviert und wollten, anhand ausgesuchter Zwischenstopps, sogleich sämtliche Tickets bis nach Ulan Bator in der Mongolei vom Fleck weg buchen, um eben vorteilhafte Betten in vorteilhaften Züge zu vorteilhaften Preise zu erhaschen…

Ihr könnt Euch sicher vorstellen, wie die Leute hinter uns in Gedanken ordentlich und herzhaft geflucht haben müssen; das wollten wir sicherheitshalber aber lieber nicht nachprüfen. Für mich war es daher an der Zeit für den berüchtigten Campingstuhl sowie ein gutes Buch, im Gegensatz dazu Schwerstarbeit für den armen Arnold.

System

Aber warum denn um Himmels dieser ganze Aufwand?
Nun, dazu ließe sich zuerst anführen, dass das Preis- und Liegeplatzsystem der Russischen Bahn mithin das feingliedrigste und ausgeklügelste ist, dass mir je untergekommen ist und ziemlich einzigartig auf der Welt sein dürfte.

Ähnlich wie beim Flugverkehr variieren die Preise je nach Feiertagen, Saison oder (mittlerweile) der guten, alten kapitalistischen Nachfrage. Des weiteren kommt es darauf an, welche Nummer der Zug hat: je näher an der Eins, desto neuer, moderner und potenziell komfortabler ist das Modell.

Qualität

Das kling zunächst paradox, macht aber dadurch Sinn, dass ein Zug im Laufe seiner Dienstzeit die Nummer wechselt; vielleicht so ähnlich wie Lebensjahre. Denn sobald ein neuer Zug auf die Schienen kommt, erhält dieser die Nummer 1, während die älteren Haudegen nach hinten durchgereicht werden.

Noch wichtiger ist in diesem Zusammenhang jedoch sein Name (wie etwa der „Rote Pfeil“, der zwischen Sankt Petersburg und Moskau verkehrt), den er sich über die Zeit hinweg erarbeiten muss wie einen guten Ruf und sich zum Beispiel durch den besonders guten Service des Bordpersonals oder die Qualität des Essens auszeichnet.

Offen

Ihr seht schon, das Zugfahren in Russland hat seinen ganz eigenen Charme und Charakter und verlangt darüber hinaus eine gehörige Portion Weisheit und Finesse.

Als nächstes darf man über den Komfort des eigenen Abteils entscheiden. Da gab es als günstigste Kategorie die sogenannte „Platskartui“, wo man in offenen Sechser-Abteilen, ähnlich wie es in indischen Zügen üblich ist, zusammen in der Gruppe schnarcht. Diese wurde interessanterweise vor allem von alleinreisenden Frauen bevorzugt, um sich durch die gegenseitige soziale Kontrolle vor allzu einsamen Männern zu schützen.

Privater und mit mehr Platz sowie eigener Bettlampe ging es jedoch in den „Kopjen“ zu, denn hierbei handelte es sich um gemütliche und abschließbare Vierer-Höhlen, wie wir sie auf der langen Etappe zwischen Ekaterinburg und Ulan Ude gebucht hatten.
Als letztes gab es noch die sündhaft teuren „Eswes“ oder „Ljuks“, wo sich zwei Personen ein Abteil, sogar ensuite mit eigener Dusche und Toilette teilten.

Upper Bunk

Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass wir freilich zu unseren proletarischen Klassenkämpfern der ersten und zweiten Kategorie hielten, denn selbst für eine „Kopje“ zahlten wir für die längste Strecke lediglich 8.000 Rubel (circa 160 Öcken).

Das klingt gar nicht so billig, allerdings legten wir auf der Fahrt auch schlappe 4.000 Kilometer zurück.
Wir sind auch noch immer nicht durch, denn zum Schluss kann man sich noch aussuchen, ob man lieber oben oder unten schlafen möchte.

Oben kann es durchaus Temperaturen wie in einer finnischen Sauna zur Wintersonnenwende geben, aber man verfügt über eine Rückzugsmöglichkeit und hat seine Ruhe vor frechen, übellaunigen Rotznasen, die die ganze Zeit blären und quengeln, wenn man sie nicht pausenlos bis Krasnojarsk bespaßt.

So. Fertsch! Stolz hielten wir ein jeder seine vier Tickets in Händen, die genau so getimed waren, dass wir in den ersten paar Städten jeweils morgens ankommen und abends wieder abfahren sollten. So hätten wir den Tag über Zeit, frische Luft zu schnappen, uns die Beine zu vertreten und ein wenig umzuschauen.
Ganz schön clever.
Dachten wir.

Kilometer

Aus dem Fenster

Tundra

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Bitte umblättern: Fallstricke der Zeit…

 

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