20

Mai

Innere Widerstände und ihre Transzendierung

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Neuer Zeitgeist…
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Echt

El Salvador ist auch dreckiger, erdiger, ärmer, griffiger – echter.
Auf den ersten Blick schauen die Leute eher missmutig und ergeben verloren in ihr Leben aus Staub und stinkendem Müll allüberall. Mit einem leisen, trotzigen Schnauben stellen sie sich der grauen Tristesse, die mir so überquillend bunt erscheint; oft bestehend aus fünf Euro Tagelohn.

Doch bereitet es ihnen trotz der drückenden Schwere ihrer Last keine ersichtliche Mühe, ein vergnügtes Lächeln aus ihren gezeichneten Backentaschen zu kramen, wenn man sie freundlich dazu einlädt: „Buenas tardeees…“

Geschummelt

Die Trockenzeit neigte sich langsam ihrem Ende entgegen, die ersten scheuen Regentropfen fielen zögerlich auf den heißen Stein und kamen mir vor wie eine Maschinengewehrsalve auf dem Wellblech unseres Zimmerdachs.

Und innen drin? Laufen wie immer Mechanismen und emsige Zahnräder, zuweilen erkenne, erspähe ich sie: Ha! Erwischt. Dann trete ich mental zurück und mache auf, huuuh, lasse sie Gassi gehen, Konzentration auf’s Herz, auf’s Leben, weit, weeeit und atmen.

Für den Anfang…

Ein Gedanke, den mir Patricia ganz unverfroren und dreist eingepflanzt hat, will mir nicht mehr aus dem Kopf, und das ist folgender:
„Wenn es Dir morgens schwerfällt aufzustehen, dann führst Du nicht das Leben, dass Du Dir wünschst.“
Klugscheißerin.

Aber wenn das wahr ist, dann bin ich noch immer nicht dort, wo ich in Wirklichkeit hin möchte. Wohin also des Wegs, Kamerad? Nach Westen? Ins Lummerland? Nach Phantásien? Über den Regenbogen? Runter ins Kaninchenloch? Nach Walhalla, die Sonne putzen?

Wohin?

Mit Sicherheit ist es nicht diese Reise, was mich vielmehr gewundert hätte. Denn schon… schon? verspüre ich leichte Anflüge von Überdruss und Reiseunlust.
Es bleibt dabei, ich fühle mich in diesen Breiten lange nicht so wohl und zu Hause wie in Asien. Da ist immer eine Kante, eine unangenehme Spur; vielleicht erwähnte ich das bereits, und vielleicht soll es so sein. Vielleicht soll Lateinamerika mich aus meiner Komfortzone holen; das geht in Ordnung.

Es ist auch nicht der Sommer in München, so betörend die Vorstellung auch ist.
Es ist – was? Alternative Projekte und Lebensformen in Portugal, Spanien oder im Thüringer Wald? Die aus dem lebenden Stein gehauenen Kirchen in Äthiopien? Das Kung Fu-Kloster in China?
Das wiederum bleibt spannend: es ist mir noch nicht klar.

Turbulent

Mein Tabak ist jetzt endgültig leer, stattdessen lutsche ich Menthol-Bonbons mit ordentlich Zucker. Es geht, ab und an verspüre ich einen leichten Drang, mal kratze ich mir die Haut auf, mal quillt mir nur der kalte Schweiß aus den Achseln.
Mal sehen, wie das kommt, und ob ich mich dadurch irgendwie anders fühle, abgesehen von den generalisierten Krämpfen und Angstzuständen.

Definitiv anders fühlte ich mich nach den vergleichsweise turbulenten Tagen mit Patricia, denn sie forderten wohl ihren Preis. Ob es nun daran lag, dass ich seit kurzem selbst gefiltertes Wasser trinke, an dem dubiosen Straßen-Sandwich in Santa Ana oder ob es schlicht und einfach die empörte Notbremse war, die mein japsender Körper da gezogen hatte, das weiß ich letztlich nicht zu sagen.

Chorros

Diese geführte Wanderung zu den Wasserfällen in der Nähe von Juayua (HuaJUA!) hätte auch wirklich nicht mehr sein müssen.
Scheiße, wir hatten uns ja nur einen Guide genommen, weil der Typ im Hostel meinte, es könnte gefährlich sein auf dem Weg dahin – obwohl zu jener Zeit auch dort soviel menschliches Frischfleisch zur Sehenswürdigkeit hin pilgerte, dass ich dies im Nachhinein aufrichtig bezweifle.

Wir wollten also sicher keine ausgewachsene Tour, sondern einfach nur safe und easy zu den verdammten und doppelbödig überlaufenen Wasserfällen. Aber der Typ hörte nicht auf zu quasseln! Alle zwei Meter mussten wir stehen bleiben, weil ihm wieder irgendwas flüchtig Wichtiges einfiel, und das NERVTE kolossal.

Kind und Kegel

Dem fiel das wiederum gar nicht auf und stolperte linguistisch fröhlich weiter über seine eigenen Füße und wiederholte einige Kernaussagen zwei- oder dreimal, sicher ist sicher. Gott, waren wir froh, als wir den von der Backe hatten. Er meinte es ja gut, aber sorry, da hat er die falschen Leute am falschen Tag erwischt, und zwar granatenmäßig.

Wie auch immer, danach lag ich zwei, drei Tage ordentlich und dünnflüssig flach, inklusive einer kurzen romantischen Nacht mit Fieber und Erbrechen.
Jedoch war es faszinierend zu beobachten, wie genau mir mein Körper zu verstehen gab, was er nun an wollte und brauchte.

Gute alte Zeiten

Selbst bei lediglich verschwommenen Gedanken an Fleisch, Fett oder Zucker kam mir schon wieder das Kotzen, bitte auch keine Bananen oder Kokosnüsse, obwohl die theoretisch ja helfen sollen, aber – ich will! – Yooooghurt!!

Ich hatte einen vernichtenden Heißhunger auf Yoghurt, immerhin Ananas- und Kokosgeschmack, ja! Heiliger Franz-Josef Deine Weißẃurscht, war das lecker. Und so kühl und erfrischend wie eine Dusche unter unberührtem Quellwasser nach der Erklimmung eines Berggipfels im Hochsommer; ein Jungbrunnen in der Tat.

Metapher

Dazu frisches und saftiges Obst, ist das zu glauben! Orangen, Trauben, Äpfel und Ananas, aber ja nicht zuviel von denen, Vorsicht.
Soweit muss es also kommen, bis ich mich gesund und vollwertig ernähre.

Und in Wahrheit handelte es sich hierbei lediglich um eine überaus kurze und abwegige Anwandlung, denn am zweiten Tag tastete ich mich bereits wieder vorsichtig an Cappuchino, eine dicke und stärkende Hühnersuppe sowie einige frivole Nüsse heran, mit Verlaub und Erfolg.

Ab da erholte ich mich zusehends schneller und siehe! Am dritten Tage ward ich auferstanden von der dornenbewehrten Kloschüssel, und fuhr auf in einen Himmel aus festem und gemächlichem Stuhlgang.
Glaubt es oder nicht, aber es war exakt! Ostermontag.

Ist das nicht…

…etwas unheimlich?

Juayua

Transzendierung

Erdig

Wenn’s sein muss

Komfortzone

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