5

Jun

Liebes Geflüster: Von Verbindungen

Letztens besuchte ich Julius auf seiner Murmeltier-Vernissage, in dessen Zentrum jene bunten Glaskugeln standen, die er mit Licht, Holzrahmen und interessanten Fassungen aus alten Fahrradteilen zu ganz zauberhaften Kunstwerken verband.

Über Gespräche, Bier, Wein und Snacks zog sich der Abend in seine verdiente Länge, wie so viele davor in meinem mittelalten Leben.
Aber dann passierte etwas, das erlebte ich nun nicht alle Tage.

Wie aus dem Nichts – und das ist immer so bei bedeutsamen Ereignissen! Du siehst sie nicht kommen, sie erwischen Dich vollkommen unvorbereitet und auf frischer Tat; obwohl Julius und ich in dem Fall eher untätig herumsaßen, während wir das weiche Licht des Hinterzimmers und die Geräusche des anwesenden Geredetumults in uns aufsogen.

Wie aus dem Nichts also erschien vor unseren Augen eine schlanke Fee mit schwarzen Haaren und dunklem Augenpaar, das im inneren Licht unserer Heiterkeit feucht glänzte.
Etwas unsicher und doch zielbewusst trippelte sie auf uns zu, wobei sich ihr Körper ab und an sanft zur Seite neigte wie ein Bambusrohr, das sich gemächlich im Wind wiegt.

Unsicher deshalb, weil sie am Buffettisch wohl mehr vom Weißwein als von den süßen und deftigen Leckereien gekostet hatte. Sie kam aus Mexiko und direkt auf uns zu, ihr durchdringender Blick bohrte sich unablässig in den meinen, so gut es ihr in der derzeitigen Verfassung eben gelang.

An der Ouvertüre in Form einer Eingangsrede schien ihr wenig gelegen, vielmehr baute sie sich direkt vor mir auf, in dessen Vorgang ihre anderthalb Meter Körpergröße zu einem kleinen Gebirge anzuwachsen schienen.

Sie starrte mich noch immer an, als hätte sie einen Geist gesehen.
Freilich hatte sie das in der Tat. Denn mein ganzes Wesen und Erscheinungsbild, von den Cordhosen mit Schlag zu meiner üppigen Körperbehaarung, meine ganze Ausstrahlung und mein Sein versicherten ihr, dass direkt vor ihr beileibe kein Fremder, sondern viel eher ihr großer Bruder leger auf einem Holzstuhl thronte.

Ohne groß zu überlegen, wie es einer vom Leben inspirierten und durchfluteten Latina zu eigen und statthaft sein sollte, entbrannte sie in schwesterlicher Liebe zu mir und warf sich in einer innigen Umarmung an meine Brust.

Sekunden später schien das emotionale Massiv vor mir seinen Aggregatzustand in einem prasselnden Sturzbach aufzulösen, denn mit einem Mal standen ihr Tränen der Trauer in den Augen. Die Erinnerung an ihre Familie daheim in Mexiko rief ihr eine klaffende Wunde ins Bewusstsein, die erst noch im Begriff war, zu heilen: es war der Tod ihrer geliebten Mutter.

Das wirklich eigentümliche und für mich überraschende Detail an dieser bizarren Situation war jedoch, dass ich, just als ich ihre Tränen sah, nicht nur von menschlichem Mitgefühl und Anteilnahme übermannt zu werden drohte, sondern auch mir standen Flammen der Liebe in den Augen, und mein Herz machte einen Satz auf ihres zu.

Mir kam es tatsächlich so vor, als sei ich ihr Bruder!
Wir umarmten uns noch einmal und noch einmal, und mit jedem Mal wurden unsere Bezeugungen inniger, fordernder, und meine Arme schmerzten süß, während in meinem Inneren Glocken schellten und uferlose Meere brandeten.

Was für ein schönes und einzigartiges Erlebnis! Wahrlich, etwas derartig Verwirrendes und doch so wunderbar Einfaches hatte ich in der Form noch nie empfunden.
Ich hoffe nur, dass meine wirkliche Schwester darüber nicht eifersüchtig wird, wenn sie dies liest. – Aber nein, da besteht nun wirklich keinerlei Bedrohung.

Ich betone an dieser Stelle die familiäre und in dem Sinne platonische Natur unseres ungestümen Aufeinandertreffens, ja, dessen romantischere Variante besorgte sie unaufhaltsam und frei wie ein Schmetterling mit einem anderen Teilnehmer der Ausstellung.

Doch das störte mich lediglich dahingehend, als dass ich aufrichtig um ihr Wohlergehen besorgt war, denn als ihr geistiger Bruder traute ich jenem allzu drängelnden Freier freilich nicht über den Weg.

Ich weiß nicht, ob sie das irgendwie spürte, aber sie kam uns noch einige Male in der ihr eigenen Art und Weise entgegen, um in unserem See aus spiegelglatter Energie zu baden, und da wusste ich, dass es ihr gut ging.

Julius saß während dieser ganzen surrealen Episode nur daneben, mit einem monumentalen Grinsen im Gesicht, und seine Augen leuchteten in einem Licht, das selbst die Sterne und alle Murmeln dieser Welt überstrahlte.

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