12

Mai

Zeitreisen: Von der Mechanik des Geistes

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Essbare Göttlichkeit…
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Golden

Selten war ein Morgen so schön, so golden, so prachtvoll wie jener am darauf folgenden Tag. Der Kopfschmerz zerschreddert von den Fängen der Geschichte, all meine Sorgen und dunklen Gedanken verweht wie ein Blatt im Herbst, bevor der Winter die Welt erneuert. Neues Leben durchströmte meinen Körper, ich fühlte mich großartig. Erst mal eine rauchen.

Es fühlte sich an, als ob irgendetwas in mir einen Schalter umgelegt, eine Weiche gestellt, das Licht angeknipst und wie eine Art geistiges Gelenk sich wieder eingerenkt hätte. Irgendetwas schien in den letzten Wochen in mir geackert, gebrodelt, gegärt zu haben, das sich nun in goldenen Wein verwandelt hatte.

Downtown

Ah, was für ein Tropfen! In tiefen Zügen trank ich diesen honigsüßen Nektar, der lediglich aus mir selbst entsprang. Nur nicht zuviel, sonst klopft wieder Herr Migräne an und räuspert sich salopp.

Wenn ich nur wüsste, wo dieser Hebel der Gemütsruhe in mir zu finden sei. Sei’s drum, vielleicht noch ein paar wenige Jahrzehnte Meditation, und ich kann eeeendsgechillt in Rente gehen.

Portal

Zatar musste in die Arbeit – ich weiß bis heute nicht, was er macht, irgendwas mit Fischen -, aber sein Sohn Reza führte mich durch seine entspannte Heimatstadt. Er ist Student und hat Zeit.

Als erstes geleitete er mich zu den berühmten, historischen Wasserwerken, die noch aus sassanidischer Zeit stammen, also etwa anderthalb Jahrtausende retour.
Abseits der Straße folgte ich einigen Treppen nach unten, trat durch einen antiken Torbogen und…

Oh. –- Oh! Ja, heiliger Franz-Joseph Gütige Maria Mutter Gottes, was springt mir denn da vor die optische Kühlerhaube?

Mitten in der Stadt gähnt eine stolz geschwungene Schlucht, Wasserfälle rauschen majestätisch und speisen den eisblauen Fluss, der sich durch ihre begrünten Eingeweide windet, vorbei an einem Labyrinth aus Schleusen, Kanälen und Steinbögen in einem Land wahrhaftig vor unserer Zeit.

Zeitreisen

Enten schnatterten in ruhigen Buchten, Vögel flatterten geräuschvoll durch die flirrende Hitze, fast unmerklich gehen die antiken Gebäude über in den senkrechten Fels.
Seht! Die Wassermühlen von Shushtar!

Wie hypnotisiert wankte ich über Stege und durch gedrungene Gänge, um mich das wütende Tosen des eingezwängten Wassers, lugte in tiefe Schächte und richtete meinen entzündeten Blick immer wieder auf das sagenhafte Rund dieser versteckten Welt.
Ich bekam gar nicht mit, dass Reza den Eintritt für mich bezahlt hatte. „Naa“- keine Chance.

Oh

Weiter ging es an einer mit Bäumen gesäumten Straße entlang zu einem Wehr, wo der Hauptfluss eine großzügige Schleife durch die Stadt vollführte, an seinem rechten Ufer die Kuppel und Minarette einer Moschee mit dazugehörigem Schrein, im Hintergrund ein einsamer Wassertank. Boote lagen vertäut im tiefträgen Wasser.

Nur damit Ihr Euch ein besseres Bild machen könnt:
Von jenem Wehr wird das Wasser für die Mühlen vom Fluss abgezwackt, durch Kanäle in die Altstadt geleitet, wo es dann über steinerne Schächte hopst und die hölzernen Turbinen antreibt.

Schleusen

Diese wiederum übertragen ihre Kraft auf die in einem Raum darüber befindlichen Mahlsteine, deren Gewalt imstande ist, Getreide und Träume zu zerreiben. Über Falltore vor den Mühlen wird der Zustrom reguliert.

Wir wandten uns wieder Richtung Innenstadt und marschierten durch einen süß duftenden Park mit Eukalyptus-, Orangenbäumen und stolzen Dattelpalmen. Wir begegnetem einem Litauer mit seinem iranischen Pendant im Gefolge; ein kurzes Pläuschchen, Reisender mit Reisendem, Local mit Local.

Dattelpalme

Zum ersten Mal sah ich mich doppelt eingeladen: eine weitere Nacht mit Abendessen bei Zatar oder ein Barbecue bei seinem neuen, etwas übereifrigen Kontrahenten. Als ich schließlich dem flehentlichen Blick meines jungen Gastgebers begegnete, war spätestens dann meine Entscheidung gefallen.

Und das war neu: ich durfte nicht nur mein, sondern sogar Reza’s Mittagessen bezahlen! Ich musste den Impuls unterdrücken, ihn zu fragen, ob er das auch ernst meinte.

Zum Schluss brachte mich Reza zum Valerians-Damm, einem Stauwehr zur Bewässerung der umliegenden Felder, gebaut von römischen Kriegsgefangenen.
Wusstet Ihr, dass Kaiser Valerian
an diesem Ort einmal gefangen gehalten wurde? Erstaunlich.

Damn!

Den Rest des Tages verbrachte ich liegend und ruhend in Zatar’s Wohnzimmer, und mir war klar, dass ich hier noch ein paar Tage bleiben würde, um neue Kräfte zu sammeln und die geruhsame Atmosphäre dieses Kleinods in mich aufzusaugen.

Am Abend die übliche Präsentationsrunde vor der versammelt schnatternden Verwandtschaft. Als ihnen klar wurde, dass sprachbarrierenbedingt nicht viel aus mir herauszuholen ist, überließen sie mich denn auch meiner Tippselei, unterbrochen von einigen hartnäckig scharmützelnden Konversationsvorstößen. Ganz so leicht gaben sie dann doch nicht auf.

Backstreet Boy

Am nächsten Tag jedoch mietete ich mich in ein schmuckes Hotel unweit des Flusses ein, um die Herzlichkeit nicht zu sehr überzustrapazieren.
In der kommenden Zeit lag ich lesend am Flussufer oder im Duft-Park, scharwenzelte durch die Stadt und irrte gekonnt durch die kleinen Gässchen abseits der Hauptstraßen.

Da drin scheint es einem, als müsse man sich innerhalb von Sekunden hoffnungslos verirren, aber so man nur einigermaßen die Richtung behalten kann, wird man am Ende irgendwo meist gar nicht so verkehrt wieder in die Welt gespült:

„Ah, hier bin ich also.“ Auf diese Weise habe ich bereits denen einen oder anderen netten Flecken entdeckt, was mir anhand der dilettantischen Stadtpläne meines Reiseführers höchst verwehrt geblieben wäre.
Ja, ich mag ihn nicht besonders.

Winkel

Die Wassermühlen jedoch zogen mich so sehr in ihren Bann, dass ich sie tunlichst aus allen möglichen Blickwinkeln und Perspektiven auf meine Netzhaut brennen wollte. Ein bestimmter Ort verdient in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung, zum Guten wie zum Schlechten.

Tradition

Orient-ieren

 

 

 

Oh

Den Aquädukt!

Scharwenzeln

 

 

 

 

 

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Bitte umblättern: Des Schicksals…

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