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Mai

Odyssee: Zur Außenpolitik mit höheren Mächten

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Fallstricke der Zeit…
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Projekt

So war das. Das pralle Leben. Ihr werdet Euch jetzt sicher fragen, wie um Himmels willen das passieren konnte, nachdem wir bereits so viel Zeit und Energie in dieses Projekt investiert hatten? Wie zur Hölle nur konnten wir die Abfahrtszeit verchecken?

Ganz ehrlich? Keine Ahnung. – Wir wussten mit granitfester Sicherheit, dass wir am Sonntag fahren sollten. Aber 0:30 Uhr bedeutete in dem Fall eben in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Das ist leider wahr.

3D

Für mich selbst wiederum war sonnenklar, dass der Zug stattdessen um neun Uhr abends abzufahren hatte. Weil ich wohl in meiner Somnambulenz das Datum (21.04.) mit der Uhrzeit verwechselt hatte.

Weil auf den Scheiß-Tickets alles auf Kyrillisch steht!
Verstehst? Die Dinger sind schlimmer als ein 3D-Bild. Damit man auf denen irgend etwas erkennen kann, muss man eine ganze Zeit lang daran vorbei gucken. …Ich hab’ sogar geübt davor!

Easy

Außerdem waren wir durch und nicht auf der Höhe und lalala – es ist halt passiert. Und ganz ehrlich, meine bisherigen Reisen verliefen im Vergleich dazu derart easy und problemlos, da war sowas schon lange einmal überfällig.

Aber das Interessante daran ist: Wenn wir die Abfahrtzeit von Anfang an richtig auf dem Schirm gehabt hätten, wären wir niemals auf diese legendäre Party gegangen! Und das wiederum wäre überhaupt nicht auszudenken gewesen.

Erkennt ihr also den süßen Wink? Das leise Lied des Schicksals? Für mich ist sonnenklar: Es war uns vom Universum BESCHIEDEN, diesen Zug zu verpassen.
Und genauso funktioniert das Leben. So, und nicht anders.

Zaunpfähle

Somit tauschten wir am Ende ein paar Stunden in Krasnojarsk, einen Tag am Baikal-See sowie achtzig Euro ein gegen jenen wundervollen Abend in der Datscha sowie einen Besuch in Ulan Ude. Am Ende gar kein so übler Deal.

…Was? Ach so, die Fahrt? Nee, die war scheiße.
Nein, natürlich nicht. Das war jetz wirklich gelogen. – Lasst mich Euch zunächst einmal erzählen, wie das Leben an Bord eines russischen Langstreckenzuges so rennt.

Ritual

Da war in unserem Fall zunächst einmal die mehr oder weniger grimmige Schaffnerin, die vor dem Einstieg sämtliche Tickets derart andächtig mit den jeweiligen Pässen abglich, so dass es schon fast einem sakrosankten Ritual gleichkam.

Terroristen hätten bei dieser Hohepriesterin des Zugverkehrs nicht auch nur die geringste Chance, denn sie würde sie einfach zu Tode starren.
Demgemäß erscheint es überaus ratsam und opportun, sich mit ihrem Stand gut zu stellen, denn sie und ihre Kollegen sind die unabdingbaren Schlüsselfiguren in diesem faszinierenden Spiel.

Gewitterfront

Zum Beispiel sollte man es tunlichst vermeiden, am Morgen seine Zähne zu putzen, ohne eingangs zu prüfen, ob die Toiletten überhaupt schon aufgesperrt sind. Denn dann steht man hilflos schäumend und mit einem peinlich berührten Grinsen vor ihrem missbilligenden Kopfschütteln, das imstande ist, einer pechschwarzen Gewitterfront das Fürchten zu lehren.

Dies war nämlich eine weitere drollige Eigenschaft des russischen Eisenbahnsystems, dass jeweils zwei Schaffner in Schichten stets einen und immer den gleichen Waggon unter ihre Röcke nahmen und sich zum Teil mit gravitätischem Ernst, rührend und aufopferungsvoll um ihre Fahrgäste kümmerten.

Fassade

So sie sich zu benehmen wussten. Im anderen Falle konnte man froh sein, wenn man mit heiler Haut sowie einigen emotionalen Schürfwunden davon kam. Im Vergleich dazu müssen die Qualen im Fegefeuer an den Toren der Unterwelt anmuten wie ein entspannender Saunabesuch.

Da war sie wieder, die grimmige Fassade und das große Herz dahinter.
Genauso erging es uns im übrigen mit den anderen Fahrgästen: Erst schauten sie ganz zwider und unkommod aus der Wäsche, aber sobald wir mit ihnen ins Gespräch kamen, zaubern sich die ersten Lachfältchen in ihr Gesicht.

Samowar

Gut, wenn ich ganz ehrlich bin, so muss ich schon sagen, dass mir manche dieser Spießgesellen auch mittelfristig nicht so recht schmecken wollten und ich am Ende doch froh war, als die endlich ausstiegen.
Aber wo ist das nicht so?

Jeder Waggon verfügte über einen zu allen Zeiten gefüllten Samowar mit heißem Wasser für Kaffee, Chai und die berüchtigten Fertignudeln sowie über zwei mehr oder weniger geöffnete Toiletten mit mehr oder weniger fließend Wasser. Je nach Alter des Zuges fanden sich hie und da verstreut sogar einige Steckdosen mit mehr oder weniger Strom.

Raucherbereich

Das Bord-Restaurant sah aus wie die Bar eines gehobenen Bordells. Als wir dort unsere Soljanka schlabberten, lief „Thor“ auf einem Flachbildschirm an der Wand. Die russische Synchronisation war gar nicht mal so schlecht.

Für schmalere Geldbeutel gab es Kioske an den Bahnsteigen größerer Terminals sowie eine andere, Ehrfurcht gebietende Dame, die unablässig mit ihrem Servicewagen den Zug auf und ab pilgerte und die Fahrgäste mit dem Nötigsten versorgte.

Die Addicts verzogen sich in die Raucherbereiche zwischen den Waggons, und somit gab es im Grunde alles, was der Backpacker von heute zum Überleben braucht.
Außer wifi, aber ich schätze, das wird auf lange Sicht nicht einmal unsere Schaffnerin verhindern können.

Überleben

Bahnsteig

Pink Russia

Herz

Auf lange Sicht

Am Morgen

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Bitte umblättern: Aus Langeweile wird…

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