21

Jul

Schlangenzungen & Perlweiß-Zombies: Ein Abenteuer

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Ein Kamel, das…
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Schafes Flammen

Als der Morgen kalt und fahl dämmerte unter dem Orange der erleuchteten Schafswolken, die aussahen wie ein Flammenmeer aus Zuckerwatte, klebte mein Geist noch im Morast des Halbschlafs fest. Mit Verzagen entdeckte ich, dass das nicht zu öffnende Seitenfenster voller Schmierflecken war, die eine geordnete Serie von Landschaftsaufnahmen quasi unmöglich machten.

Schmutz

Zunächst war mir das sogar egal, denn auch das Land schien seltsam öd und leer und verdreckt von den Stahlkolossen der örtlichen Industrie, die wie scheußliche Karbunkel in regelmäßigen Abständen aus dem Boden sprossen.
Selbst der Himmel wirkte schmutzig an jenem ungemütlichen Morgen.

Doch waren dies nur trübsinnige Gedanken im Nachgang einer unruhigen und zu kurzen Nacht, wenn einem der ganze Körper feucht und klamm auf der Seele liegt.
Das zentrale Hochland Äthiopiens präsentierte sich in gewohnter Manier überwiegend durch gelbes und rostbraunes Ackerland mit seinen zahlreichen Ortschaften und Bauernhöfen.

Erzwungene Tradition

87% der nationalen Ökonomie basiert auf Landwirtschaft, die überwiegend noch von Ochsengespannen bestellt wird; nur selten erspähte ich einen Traktor oder gar einen waffenstarrenden Mähdrescher. Aus diesem Grunde richtet sich ein großes Interesse der Regierung daraufhin aus, jenen Rückgrat-Sektor möglichst schnell zu entwickeln und -seufz- zu optimieren.

Das kommt überdies auch in den furchterregenden Popmusik-Videos zum Ausdruck, denn in allen, in ausnahmslos allen waren junge, gut aussehende, vor Gesundheit und Kraft strotzende und von Kopf bis Fuß glänzende Menschen zu sehen, die das gute, alte, idyllische Landleben feierten und selig pflügten, harkten, garbten, droschen und dabei einfältig in die Welt grinsten. Was für eine Farce.

Landleben

In ihrer konservenhaften Monotonie erschien mir jene akustische Folter noch deprimierender als alles, was ich bis dahin ertragen musste. Die gewaltsame und zur aus der Haut fahrende Ansammlung von Tönen schien darauf ausgelegt, das menschliche Gehirn zu verflüssigen, um in der Folge alle denkenden und fühlenden Wesen in grinsende, schulterzuckende Zombies zu verwandeln.

Idyll

Denn einer ihrer traditionellsten Tänze besteht darin, zu hüpfen und gar wolllüstig mit den Schultern zu wackeln, so dass diese beinahe aus ihren Gelenken springen. Dieses sonderbare Treiben erinnerte mich eher an einen epileptischen Anfall als an Ekstase; wobei es nicht weit sein muss vom einen zum anderen.

Immerhin, wurde die Epilepsie früher nicht als die „Heilige Krankheit“ bezeichnet?
Sei’s wie’s will, man mag so etwas durchaus faszinierend, exotisch, interessant, kulturell oder sonstwas finden. Aber mir gefällt’s nicht.

Kadavern

Mehr als in anderen Ländern starrten mir während meiner Busfahrten alte, verrostete und verbogene Gerippe verunfallter Fahrzeuge entgegen, die am Straßenrand vor sich hin kadaverten oder an Abhänge klammerten. Erfreulicherweise für mich schien es sich meistens um LKWs zu handeln und seltener um Busse.

–- Starren. Die erstarrten Gezeiten von Mutter Erde begleiteten mich während der gesamten elfstündigen Fahrt zum Tana-See, mit einer fulminanten und ohrenschlackernden Ausnahme, die da abrupt und ohne Vorwarnung in mein Sichtfeld trat. Beinahe hätte ich diesen hohen Moment verpasst, da ich mich zu dem Zeitpunkt angeregt mit meinem Nebensitzer unterhielt.

Unversehens

Dies musste ich aber jäh und uncharmant unterbrechen, denn vor mir klaffte auf einmal eine Wunde wie von einer göttlichen Axt geschlagen, die quer vor meinem weit aufgerissenen Auge die Erde durchzog.

Denn vor mir lag die atemberaubende Schlucht des Blauen Nils, der dem eben erwähnten See entspringt und eine großzügige Schleife durch Äthiopiens Hochebene zieht, um sich dann nach Norden in Richtung Sudan zu wenden.

Nilbrücke

In Khartoum vereinigt er sich mit dem Weißen Nil, bevor sie sich schließlich zu jener Gott gesandten Lebensader mausern und Ägyptens Wüste in eine lang gezogene Oase des Lebens verwandeln.

In ausladenden Serpentinen hinunter und über die Nilbrücke wieder hinauf durchquerten wir dieses sagenhafte und vom Verkehr verstopfte Flusstal des „Abay“, wie er auf Amharisch heißt. Ohne es zu wissen, hatte ich mir die thematisch passende Busgesellschaft ausgesucht.

Flusstal

A propos Busgesellschaft. Einmal fuhr ein Schulbus voller johlender Kinder an uns vorbei, die endlich nach Hause durften. Allerdings waren das „S“ und das „C“ von der Aufschrift abgeblättert, somit stand da nur noch „HOOL BUS“.

…Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir so richtig klar wurde, was ich denn da las – und dann musste ich zum besorgten Erstaunen meiner Mitfahrer in schallendes Gelächter ausbrechen.

Tef

Obwohl das Land nach diesem Spektakel nicht nennenswert abfiel, wurde die Vegetation nach Norden hin zunehmend grüner, und immer mehr Palmengewächse mischten sich unter die ausgedehnten, schmalen Wälder, die sich zwischen abgeerntete „Tef“- (das endemische Getreide zur Injera-Herstellung) und die herkömmlichen Weizenfelder schoben.

Die Gegend dort schien eine ganz formidable Kornkammer abzugeben: Getreide und Strohballen, soweit das Auge reicht. Ein ziemlich ungewohnter Anblick war das, fast erinnerte es mich ein wenig an meine beschauliche, wenn auch etwas raue Heimat auf der Schwäbischen Alb.

Kornkammern

Derlei Detailinformationen erhielt ich im übrigen von meinem ganz ausgezeichneten Sitznachbarn, einem jungen Medizinstudenten, wer hätt’s gedacht. Und wer hätt’s gedacht, wie so viele möchte auch er nach Deutschland.

So verkürzten wir uns die anstrengende Fahrt mit kurzweiligen Gesprächen; leider hatte der Arme so durchdringenden und üblen Mundgeruch, dass ich stets darauf achten musste, möglichst unauffällig auszuatmen, wenn ich mich ihm zuwandte.

Endlich

Am späten Nachmittag trafen wir endlich in Bahir Dar ein, wo ich sogleich von einem emsigen Mitarbeiter der Pension abgeholt wurde, in die ich mich des Morgens noch eingebucht hatte. Normalerweise buche ich ja nicht vor, aber bei dem Laden hatte ich irgendwie vom Fleck weg ein gutes Gefühl.

Da war jetzt nichts Besonderes dran, im Gegenteil, ziemlich nüchtern und charakterlos wirkte die Bude, aber sie war spottbillig und darüber hinaus anstandslos sauber; eine bestechende Kombination in einem Land ohne Hostels.
Oder so dachte ich zumindest.

Schatten

Dort angekommen, warf der „Mitarbeiter“ jedoch sein schillerndes Saruman-Kostüm ab und entpuppte sich als ein in den Schatten lauernder Tour Guide, Scherge und Vasall des Dunklen Herrschers! (Damit meine ich die Tourismusbehörde.)
Schon wollte ich Glamdring, den Orktöter, den Beißer und Stecher, ziehen und ungezügelt auf meinen Widersacher eindringen-

Visier

Aber eine sonderbare und doch seltsam vertraute Macht hielt mich im letzten Moment davon ab.
Schon witterte der Tunichtgut seine Chance, nahm mich souverän ins Visier und pries mir in mannigfaltigen, bunten und etwas zu hastig dahin geseierten Worten eine Bootstour zu den alten Klöstern auf dem Tana Lake an.

Zwar schonte ich ihm sein elendes Leben, doch verlor ich umgehend die Geduld und hätte ihn zweifellos in die Flucht geschlagen. Doch wieder sagte mir die namenlose Macht in meinem Bauch, dass das schon in Ordnung so war. Zudem hatte mein Herz nichts dagegen einzuwenden, also ließ ich ihn großmütig gewähren.

Echtes Land

Sein Spießgeselle bewies zudem ein erstaunliches Feingefühl, da er scharfsinnig bemerkte, dass ich ja gar kein herkömmlicher und nichtswürdiger Tourist sei, sondern ein echter, in den Feuern der Pfannkuchenschmieden erprobter und gestählter BACKPACKER sei, der sich wirklich, unverstellt und ganz im Ernst für das Land interessiere und sicher viel von Geschichte und Kultur und solchen Dingen zu erzählen weiß.

Großer Sprung

Das oder etwas ähnlich schwungvolles erwiderte er, als er ehrfürchtig auf meinen tausendfach geflickten und in den mitleidlosen Feuern der Busladeflächen geschmiedeten Rucksack blickte. Da scharrte ich nur verlegen mit den Füßen und schaute beschämt und leicht errötend zu Boden: „Ach, das ist doch… nun ja, man tut, was man… mei, danke aber, ja, Du hast schon recht.“

Nach einem köstlichen und reichhaltigen Beyeynet (Erinnert Ihr Euch? Das hiesige Thali mit unterschiedlichem Gemüsesortiment auf Injera) fiel ich müde und glücklich auf die neueste Ausgabe meines Bettes.
Ein großer Sprung ward getan.

Palmen

Woge

 

 

Schwäbische Alb

Mehr Grün

Serpentinen

Wunde

Abfallen

Lost

Thema

Üppig

Lebensader

Abfallen

Orange

Mutter Erde

Aufgerissen

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Bitte umblättern: Die Realität ist…

 

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