2

Dez

Saving Private To; Oder: Das Sonnenbrillen-Massaker

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Wechselnde Gezeiten…
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Que?

Ganz so geruhsam verlief mein erster Tag in Valladolid allerdings nicht. Nooo waay, Josee! Mit Verlaub, der glich eher einem Raketenstart in Cape Canaveral. Ich als zitternder Ruinaut in einer winzigen Kapsel in der Hoffnung, das die Trillionen Liter Flüssigtreibstoff (Sagt man das so? Klingt irgendwie richtig. Auf der anderen Seite: ist nicht jeder Treibstoff flüssig? Hm.) unter mir mich nicht gleich beim Startschuss in meine subatomaren Teiluniversen vervielfältigten.

Ufolandeplatz

Wohlan, die Rakete war ein gemächlich tuckernder Oriente-Bus zweiter Klasse, weshalb mein Vergleich an dieser Stelle vielleicht etwas blumig erscheinen mag. Aber trotzdem: Peter und ich sind nach Chichen Itza gefahren! Normalerweise hätte ich mehrere Tage gebraucht, um mich emotional und ideologisch darauf vorzubereiten.
Ich weiß nicht, was ich getan hätte, mehrmals tief durchatmen und einige vorsichtige Schritte auf das Busterminal zu und wieder zurück machen, ähnlich wie vor einem Sprung vom Zehnmeterbrett, keine Ahnung, aber das war schon krass.

Buenas noches

Der Arme wurde übrigens ähnlich schroff im Candelaria abgewiesen. So begaben wir uns zusammen ins Exil zu Maria und krönten diesen Entschluss mit einem Abendspaziergang durch das beschauliche Städtel. Peter war ein sehr zurückhaltender, scheuer und höflicher Knabe mit bipolarer Störung aus San Francisco. Er war gerade dabei, seine Medikamente abzusetzen, weil er davon immer so Heißhunger auf Süßes bekam.

Zu lange angestanden.

Ich sage das natürlich nicht abwertender Weise, ganz im Gegenteil! Seine psychische Labilität hat ihn mitunter dazu gebracht, über sich und die Welt nachzudenken (und über bewusstseinserweiternde Substanzen), und das täte einigen Leuten durchaus gut.
…Zumindest würden sie ihre verdrängte Angst und ihre Wut nicht mehr so einfach in die Welt hinaus kacken.

Ich will damit sagen, dass wir während unserer kurzen Zeit ziemlich gut miteinander klargekommen sind. Was einem durchaus ein Trost sein kann, wenn man es mit einem deklarierten Weltwunder aufnimmt.

Eine halbe Stunde nach Öffnung standen bereits ziemlich viele Menschen mit entsicherten Smartphones am Ticketschalter. Auf dem Eingangsareal gab es ein Geschäft mit einer Verkausstelle für Bustickets, Kaffee für umgerechnet vier Euro sowie einen kleinen Markt für die Souvenirjäger des verlorenen Schatzes. Auf dem Ausgrabungsgelände selbst jedoch bauten die Standler mit noch recht verschlafen gelangweilten Äuglein ihre Buden auf.

Noch geht’s…

Wenn ihnen die erste Welle an early birds noch zu wenig ist, um deswegen früher aufzumachen, auf was genau bereiten die sich dann vor? Fragte ich mich besorgt.
–- Mei, es erscheint ein wenig müßig, einen eloquenten Spannungsbogen hinsichtlich der Ereignisse in einer der Haupttouristenattraktionen Mexikos aufbauen zu wollen, aber nichtsdestotrotz finde ich großen Gefallen daran.

Doch kommen wir dazu später und schlagen einen weiteren Bogen zum Wesentlichen.
Sobald man sich von den anfänglichen Peso-Fischern auf die weitläufige Lichtung im Busch begibt, die das Zentrum des Geländes darstellt, begrüßt einen ohne große Umschweife die fantastische Stufenpyramide El Castillo, die so typisch und unabwendbar für ein Postkartenbild dieses Landes ist wie ein tobender Hurrikan.

Vollendung

So steht sie da, in all ihrer geometrischen Perfektion und Schönheit im gleißenden Licht der Tropensonne. Je näher man an sie herantritt, umso beeindruckender und herrlicher erscheint sie, umso unbedeutender fühlt man sich als winziges Menschlein. Wenn man direkt vor den mit den gefiederten Schlangenköpfen versehenen Stufen steht, erfasst man endlich das ganze Ausmaß der altvorderen Handwerkskunst, und kann es immer noch nicht fassen.

Leider darf man nicht mehr hochklettern, weil 2006 eine Touristin von oben in den Tod gestürzt ist, ein letztes ungewolltes Opfer für die alten Götter.
Das ist natürlich schrecklich, aber dennoch erscheint mir diese Maßnahme etwas übertrieben, wenn man bedenkt, wie viele Millionen Besucher vor ihr den Auf- und Abstieg schadlos überstanden haben müssen.
Vielleicht haben sie einfach Angst, dass zuviele Besucher in ihrem Sensationswahn die Fassade irgendwann zugrunde richten würden. Oder von Däniken hat doch recht, und da drin spielen kindsköpfige Aliens heimlich Verstecken mit ihrer eigenen Dimension.

Hohes Grab

Wie dem auch sei, ich hätte allein dort gut einige Stunden in kontemplativen Staunen verbringen können, wäre da nicht entnervende Klatschen der ersten Guias gewesen, die ihren schafsgesichtigen Gruppen mit Imitationsimplantaten die faszinierenden Echo nahe der Pyramide als Beweis für die Meisterschaft der Architekten veranschaulichen wollten.
Das und die Tatsache, dass man sich schon gegen zehn Uhr morgens innerhalb einer halben Stunde in ein Grillhähnchen verwandelt hätte.

Frühe alte Sternwarte

Dementsprechend langsam und beschwerlich bahnten wir uns nach dem ersten Wwwoow unseren Weg zu den übrigen Ruinen in der näheren Umgebung, als da wären ein Open Air Ballsaal mit weiteren Echos („Que liiiindo!“), ein Tempel für die heroischen, letzten Endes aber chancenlosen Krieger, eine tausendfältige Säulenhalle, das Grab eines Hohepriesters, ein beeindruckendes Observatorium mit dem netten Namen „El Caracol“ (die Schnecke) aufgrund seiner inwendigen Wendeltreppe sowie eine Cenote im Norden, die wohl als eine Art Wallfahrtsort diente.

Peter Wicht

Das Gute daran war, dass die Wege und Pfade an sich meist im Schatten des angrenzenden Dschungels befanden, was allerdings bedeutete, dass sich dort auch die meisten Standler die Maya-Kalender quasi in die Hand drückten.
Allerdings muss ich zugeben, dass einige der großzügig überteuerten Neuzeit-Artefakte durchaus verlockend glitzerten, doch ich blieb standhaft und zog festen Schrittes an ihnen vorbei, was sich vielleicht am ehesten als eine Art psychischer Spießrutenlauf bezeichnen lässt.

Brückenkopf Ballsaal

Schön breit waren sie angelegt, und je höher die Sonne stieg, desto notwendiger erschien mir diese Tatsache, denn nun schienen sich alle Tore und Schleusen zu öffnen, und die Heerscharen der postmodernen Apokalypse brachen wie eine Eiszeit über Chichen Itza herein. Die Verbindungswege waren nunmehr gerammelt voll, ähnlich einem Samstag in der Münchner Fußgängerzone kurz vor Weihnachten, und man musste aufpassen, dass man nicht von geschmacklosen Sonnenschirmen aufgespießt wurde; welch unrühmliches Ende für einen orthodoxen Funktionsponcho-Veteranen.

Angewiderte Schlangen

Ich sehe sie noch vor mir, und auch jetzt, da ich darüber schreibe, legt sich mir das Unbehagen wie eine klamme Eisendecke um meinen Brustkorb und lässt mir das Blut in den Adern gerinnen. Legionen von bunt bemalten und vielen X‘en versehene Landungsboote werden an die geteerten Gestade der kilometerlangen Parkbuchten gespült und bis an die Zähne mit Selfie-Sticks und riesigen, unsagbar scheußlichen Sonnenbrillen, die sich letztlich nur als die Finsternis spiegelnde Paneele bezeichnen lassen, bewaffnete Horden quellen aus ihren auf Hochglanz polierten und wifi-verseuchten Eingeweiden hervor.

Säulenhalle

Habt Ihr „Der Soldat James Ryan“ gesehen? Das und noch um einiges übelerregender.
Von dem ohrenbetäubenden Geheule und ihrer vom Fett der Sonnencremes triefenden Kriegsbemalungen wache ich noch heute schweißgebadet und um Atem ringend auf, und es vergehen sicher mehrere Stunden, bevor ich mich langsam und leise schluchzend wieder in den Schlaf weinen kann.

Aber wie gesagt, damit muss man natürlich rechnen, und am Ende war es gar nicht so schlimm. Ich denke, ich kam mit einigen gebrochenen Rippen sowie einer komplizierten Milzprellung davon.

El Castillo

Peter verdrückte sich gegen Mittag wieder auf seine Farm zum Volontären, und ich nutzte die Gelegenheit, dieses fabelhafte Werk aus Stein noch ein wenig im tröstenden Schatten eines Baumes zu betrachten, das Plappern und Trippeln der Weichspül-Conquistadores um mich herum nur ein undeutliches Störgeräusch auf meinem eingeschränkten Ereignishorizont…

…Neben mir hält ein Guia eine leidenschaftliche und mit Bedacht aufgebaute Rede über Mittelamerikas Hochkulturen, doch sie berührt mich nicht. Wahrscheinlich, weil sie auf Spanisch war.
Ich fahre mit dem Oriente-Bus zurück ins Städtle, finde einen bezaubernden Essensmarkt am Plaza und freue mich. Kurioserweise wird hier außer Comida lediglich Schmuck verkauft. Ich habe nicht nachgefragt.

 

Full Blown

Große Feste

Alle Winkel

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bitte umblättern: Unter Geiern…

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