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Feb

Abstecher zum Thagyamin – Ein Rakhine-Märchen

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Einmal

In längst vergangener Zeit ging der Thagyamin einmal mit seinen drei Königinnen aus, um in einem See zu baden. Als sie an den See kamen, verbreitete sich dort ein starker Duft, der von einer seltenen Blume zu kommen schien.

Die drei Königinnen des Thagyamin waren wie alle Frauen von diesem Geruch ganz entzückt. Und weil sie nicht wussten, was für ein Duft das war, riefen sie: „O edler Bruder, was für ein Duft ist denn das? Deine königlichen Schwestern haben so etwas noch nie geatmet.“

Halme

Da seine Königinnen so neugierig waren, ließ der Thagyamin, ohne einen Augenblick zu zögern, sein mit der Sehkraft von tausend Augen ausgestattetes Augenpaar in zehn Richtungen schweifen, und er erblickte unten im Menschenland blühenden Reis. Da erklärte er: „Dieser wunderbare Duft, den ihr einatmet, kommt aus dem Menschenland und ist der Duft von Reisblüten.”

Die drei Königinnen wollten nun zu gern solche Blüten haben und bestürmten den Thagyamin mit ihren Bitten. Da machte sich der Thagyamin sofort auf. Er stieg zur Erde hinab, holte drei blühende Halme und überreichte sie seinen Königinnen.

Königinnen

Als die anderen Nats (Naturgeister; Anm. des Sammlers) davon erfuhren, tadelten sie ihren Herrn hinter seinem Rücken und redeten ihm Übles nach: „Weil der Thagyamin seinen Königinnen zuviel Liebe zuwendet, bricht er das Gesetz, das gerade er schützen sollte. Nur weil ihn die Königinnen bedrängt haben, hat er, ohne den Besitzer um Erlaubnis zu fragen, heimlich und leise dem Bauern drei Halme gestohlen.

Die Familie des Bauern muss sich, damit die Pflanzen kräftig und stark werden und schön blühen, dem Regen, dem Wasser und der Sonne aussetzen und mit den Wasserbüffeln zusammen schwer arbeiten. Wenn andere so leichtfertig blühenden Reis ausrissen, wie es der Thagyamin tat, der doch eigentlich Vorbild sein müsste, würde am Ende die ganze Welt zugrunde gehen.

Eigentum

Wenn andere Nats gegenüber den Wünschen ihren Frauen so nachgiebig wären, was käme da wohl heraus? Was würden die Menschen dazu sagen? Wenn die Menschen merken, dass selbst der Thagyamin und die Nats so etwas tun, wird keiner mehr das Eigentum des anderen achten, und der Wirrwarr hört nicht mehr auf. Die Welt wäre dem Untergang nahe.“

So und ähnlich unterhielten sich die Nats untereinander, was eines Tages natürlich dem Thagyamin zu Ohren kam. Er sah ein, dass er Unrecht getan hatte. Um die Angelegenheit zu bereinigen, berief er eine große Natversammlung ein.

Urteil

Er gab zu, dass er aus übergroßer Zuneigung zu seinen Königinnen vom Feld eines Menschen ohne Überlegung drei Blüten gebrochen habe, und sagte, er stelle sich dem Gericht aller. „Wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann gebt mir die Schuld“, sagte er edelmütig.

Da erwiderten die Nats, dass sie den Thagyamin, auch wenn er ihr König wäre, nicht verschonen könnten und nach dem Gesetz bestrafen müssten. Weil er einem Bauern drei Halme weggenommen habe, müsse er diesem Bauern drei Jahre lang als Büffel dienen.

Nach der Verkündigung dieses Urteils verwandelte sich der Thagyamin gehorsam in einen Büffel und gesellte sich zu den anderen Büffeln des Bauern, dem er die drei Halme gestohlen hatte.

Herrenlos

Nun war der Bauer ein sehr ehrlicher Mann. Weil der Büffel, der sich da unter seine eigenen Büffel gemengt hatte, nicht der seine war, trieb er ihn davon. Freilich gefiel ihm der Büffel, denn er war ein starkes, kräftiges Tier, aber er gehörte ihm eben nicht.

Als aber der Büffel wieder zu ihm zurückkam, fasste der Bauer einen Plan. Sicher würde der Besitzer seinen Büffel suchen. Damit er sein Tier wiederfinde, band der Bauer den Büffel in der Nähe der Straße an einen Pflock.

Menschenwelt

So kam es, dass jeder der Vorübergehenden stehenblieb und den Büffel bewunderte. Der Mann, der zuerst kam, sagte: „Das ist aber ein schöner Büffel! Nur die Hörner sind etwas zu krumm. Wären sie etwas weniger gebogen, würde nichts gegen ihn einzuwenden sein.“

Als der Mann gegangen war, spreizte der Thagyamin seine Hörner ein wenig. Es dauerte nicht lange, da kam ein anderer Mann des Wegs und betrachtete den Büffel eingehend. „So einen schönen Büffel habe ich noch nicht gesehen. Wenn die Hörner nicht ganz so gespreizt wären, sähe er allerdings noch besser aus“, lachte er und lief weiter.

Höcker

Kaum war auch dieser Mann gegangen, machte der in einen Büffel verwandelte Thagyamin seine Hörner wieder etwas krummer. Da erschien der nächste Mann. „Das ist ja ein selten feines Tier! Es wäre aber noch besser, wenn sein Hinterteil etwas höher wäre“, meinte er und ging weiter.

Der Thagyamin-Büffel wollte gern der schönste Büffel sein und den Menschen gefallen. Also hob er sein Hinterteil etwas höher. Da kam wieder einer daher: „Das ist wirklich ein Prachttier von einem Büffel! Er hat nur einen Fehler. Der Rücken ist etwas höckrig. So einen Büffel zu halten bringt nichts Gutes.“ Sagte es und ging von dannen.

Wohlgefallen

Obwohl der Thagyamin seine Erscheinung als Büffel stets nach dem Wohlgefallen der Menschen verändert hatte, musste er immer wieder ihren Tadel einstecken. Das verdross ihn gewaltig, und er nahm von da an keine Veränderungen mehr vor.

Weil nun der Besitzer des Büffels nach mehreren Tagen immer noch nicht aufgetaucht war, ließ der Bauer den neuen Büffel zusammen mit den anderen Paddy (Reis) dreschen. Obwohl das neue Tier gemeinsam mit den anderen seine Arbeit machte, beschuldigte es der Bauer: „Dieses große Vieh arbeitet nicht so, wie es ihm ziemt. Es ist immer schneller als die anderen, und die kommen nicht nach.“

Stecken

Wie der Thagyamin-Büffel auch arbeiten mochte, er konnte nichts recht machen und erhielt seine Stockschläge. Da gab er es auch bei der Arbeit auf, den Menschen zu gefallen, und verbrachte unter großer Mühsal seine drei Jahre.

Am Ende dieser Zeit wollte der Thagyamin herausfinden, was den Menschen denn nun wirklich gefalle. Zu diesem Zweck schuf er in der Nähe des Dorfes einen Badeteich für die Büffel, ging dorthin und tat, als ob er im Schlamm steckengeblieben sei. Die Menschen eilten herbei, umringten ihn und versuchten, ihn mit Stricken aus dem Schlamm herauszuziehen.

Verschwinden

Als der Büffel am Ufer war, tat er einen letzten Atemzug und stellte sich tot. Die Leute glaubten, der Büffel wäre gestorben, weil er im Schlamm steckengeblieben war. Sie rannten schnell nach Hause und holten ihre Hackmesser, um den Büffel zu schlachten.

Da dachte der Thagyamin völlig entmutigt: „Ihr Menschen habt doch zu viele Wünsche. Ihr rennt nach Messern, um Euch das Fleisch dessen schmecken zu lassen, der euch redlich diente. Von gewöhnlichen Nats gar nicht zu sprechen, nicht einmal der Thagyamin, der König der Nats, kann es euch recht machen.“ Sprach’s und verschwand von der Erde.


(A. Esche, „Märchen der Völker Burmas“)

See

Paddies

Naturgeist

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