10

Feb

Tramps, Zigeuner, Matrosen: Flussleben

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Ideologische Überlegungen…
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Ausloten

Gegen Mittag legten wir ab, und ich sagte Katha schweren Herzens ade, doch es dauerte nicht lange, bis ich von meiner Trauer abgelenkt wurde, da wir die erste knifflige Stelle im Fluss erreicht hatten. Mit langen Bambusstangen prüften zwei Matrosen am Bug die Wassertiefe, andere fuhren mit einem motorisierten Kanu hin und her, um die bestmögliche Passage herauszufiltern.

Sie machten ihre Sache gut, denn das Boot schipperte ohne sichtbare Probleme durch den seichten Abschnitt und pflügte ab da unbehindert durch die grünbraunen Gewässer des Ayeyarwaddy („Not yet, Kameraden! Not yet!“).
Schwimmen? Lieber nicht.

Rollen

Ab und an legten wir an, um Kohlesäcke aufzunehmen („Das muss das Boot abkönnen!“), die ausschließlich von Frauen an Bord geschleppt wurden, während ein paar Möchtegern-Patriarchen beifällig zuschauten.

Ähnliche sexistische Machenschaften hatten wir auch zuvor schon erlebt. Wenn Einheimische sich mit uns unterhielten, wurde Carmen von den Typen meist ignoriert. …Zumindest in konversationeller Hinsicht.

Bunte Hügel

Lesen, Blog-Einträge schreiben, Fotos sichten, Karten spielen, sich bräunen, Uferlandschaften bewundern, dösen – das war das Programm der nächsten drei bis sechs Tage. Nicht verkehrt. Gar nicht verkehrt.

Auf der einen Seite erstreckten sich meist breite Sandbänke und dahinter flaches, kaum wahrzunehmendes Land bis zum Horizont, welches sich jedoch am zweiten Tag zu bunt bewaldeten Hügeln auffaltete, an deren Hänge sich kleine Holzhüttendörfer mit Feldern auf einem schmalen Uferstreifen klammerten.

Dorf

Auf der anderen Seite stieg die Böschung fast durchgehend steiler an und war übersät mit Ortschaften und den unvermeidbaren Pagoden zwischen üppigem Blattwerk und uraltehrwürdig knorrigen Bäumen; je mehr, desto näher wir der großen Stadt kamen. Erst viel weiter hinten zeichneten sich fahle Hügelkämme im flirrenden Dunst der Mittagshitze ab.

Bootsmänner reparierten ihre Boote, Waschfrauen wuschen Wäsche, kleine Nackedeis nackedeiten, Ochsenkarren karrten Menschen und Dinge.
Postkartenkitsch vom allerfeinsten und Dauerfeuer frei!

Wabern

Vor allem frühmorgens, wenn sich ein mystisch wabernder Nebel über dem bleifarbenen Fluss ausbreitete, der von einem feurigen Sonnenaufgang in blutrotes Licht getaucht wurde. Naja fast.

Auch der Fluss selbst war natürlich nicht unbewohnt. Breite Kohlefrachter, kleinere Transportkutter, Passagierbarken und Privatkanus bahnten sich emsig ihren Weg flusswärts. Und besonders fotogen: es gab dort riesige Flöße, auf denen Menschen in Zelten oder anderen einfachen Unterschlüpfen lebten.

Einfach

Die Leute dort – wir erklärten sie kurzsichtig und weiterhand zu Flussnomaden – bückten sich gerade über ein Kochfeuer… auf… ihrem Floß aus… Holz.
Na, die machen das ja bestimmt nicht zum ersten Mal,
denn wo sonst gestaltet sich natürliche Selektion so nachhaltig und endgültig einfach?

Es gab auch -noch- an die sechzig Süßwasserdelphine oder „Flussschweine“, aber wir haben keinen gesehen.
Viele Menschen winkten uns zu und grinsten breit und fröhlich in dem Moment, da sie uns als weiße Reisende erkannten. Ach, es war einfach herrlich und erfreute meine Seele zutiefst!

Passagiere

Vom Bordpersonal wurden wir jedoch weitgehend ignoriert, wir durften nicht einmal an ihren Tischen Platz nehmen. Ich weiß allerdings nicht, ob sie fanatische Ausländerhasser oder einfach nur zu schüchtern waren, da sie kein Englisch konnten. Manche erschienen zumindest nicht unfreundlich, wenn man sie etwas fragte.

Außer ein paar Locals befanden sich nur der schweigend meditierende (oder autistische) Amerikaner sowie eine sympathische britische Rentnerin mit uns an Bord.
Es erfüllte mich mit tiefem Respekt, als die rüstige alte Lady mir erzählte, dass sie neun Monate lang allein und nur für sich durch die nicht
immer einfach zu bereisenden Länder Süd- und Südostasiens pilgern wolle.

Mückenschutz

In Gedanken zog ich meinen Hut und verneigte mich ehrerbietig.
Sie war nett, überaus menschlich und offen und auch ein bisschen verrückt. Wir unterhielten uns über Bücher, Psychologie, Politik und die unabwendbar schmerzvolle Zwielichtigkeit unserer Welt.

…Manchmal denke ich, dass jener schicksalhafte Tag, an dem wir Menschen aus dem Paradies verstoßen wurden, der Tag war, da wir anfingen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. –- Mist, jetzt hab’ ich mich mit Philosophie angesteckt. Verfluchte Aristoteles-Mücken!

Jahrmarkt

Eines Abends legten wir über Nacht in Kyaing an, wo wir dringend notwendigen Proviant auffüllten und uns in der Lage sahen, mal etwas anderes außer Zwieback und Keksen zu uns zu nehmen; auf dem Dampfer gab es keine Verpflegung. Trefflicherweise war an jenem Tag der Beginn eines fünftägigen religiösen Festes, und zu diesem Anlass hatte ein leuchtender Jahrmarkt seine Pforten geöffnet!

Eine Musikbühne für leiernde Popweisen, Fressbuden (SAMOSAS!!!), Spielzeugstände, eine Rutschburg sowie ein manuell betriebenes Riesenrad, sie alle bildeten den äußerst vergnüglichen Rahmen hierfür.

Zwielicht

Manuell“ hieß in diesem speziellen Fall, dass sieben oder acht quirlige Jungs wie perfekt eingespielte Hochseilartisten an dem Ding nach oben kletterten und es wie eine Meute Superhamster durch mehrere wohl platzierte Sprünge und Schwünge in Drehung versetzten. Es war faszinierend zu beobachten, wie fließend und haarfein abgestimmt aufeinander sie ihre akrobatischen Turnübungen vollführten.

Road to Mandalay

Jeder deutsche TÜV-Prüfer hätte sich natürlich in heiligem Entsetzen selbst verbrannt, aber abgesehen davon wirkte das ganze Spektakel wie ein typisches Volksfest bei uns daheim, nur kleiner und staubiger.

Und es passierte wieder! Schon allein aufgrund des Wasserspiegels stellte ich mich auf gravierende Verzögerungen ein, doch bereits kurz vor Mittag am dritten Tage liefen wir erschreckend pünktlich in Mandalay ein, packten unsere Sachen und standen wenige Momente später schon wieder auf unnachgiebigem Asphalt und wurden von einem unnachgiebigem Trishaw-Fahrer belästigt.

Kann mir das bitte mal jemand erklären? Was war nur los in dem Land? Wieso lief dort alles wie am Schnürchen? Und wo zum Teufel steckte Murphy!
Irgendwie vermisste ich
den Kerl.

Entern

Waschen

Transport

Böschung

Kohle frachten

Flussleben

Wald & Wasser

Heiligs Blechle

Nicht verkehrt

Floß

Stelzen

Frühmorgens

Unvermeidlich

Matrosen

Brücken

Baum

Gar nicht verkehrt

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Bitte umblättern: …Ein Kachin-Märchen

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