18

Apr

Nahrung für die Seele: Von Todesengeln und Waffeleisen

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Herrschaftszeiten…
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Ordnungszwang

Einen anderen Tag verbrachten wir in den vollgestopften Kunstgalerien der berühmten „Eremitage“. Aufgrund eines angeborenen Ordnungszwanges fiel es mir nicht leicht zu verstehen, was ein französisches Museum in einer russischen Großstadt verloren hatte.

Aber dies war nur ein weiterer schmerzhafter Lernschritt auf meinem langen und mühseligen Weg der Erkenntnis, dass die Welt wirklich absolut keinen Sinn macht.

Prall

Der ehemalige Winterpalast strotzte nur so vor Prachtsälen mit Ornamenten, wo mir die Augen tränten, wenn ich zulange darauf blickte, mit Säulen und Deckenverzierungen, prall schillernden Kronleuchtern und marmornen Ungeheuern.

Megalomane Treppenfluchten verbanden die einzelnen Stockwerke miteinander, die angefüllt und ausgestopft waren mit Gemälden, Kunsthandwerk und Statuen aus allen möglichen Epochen und Erdteilen: Malachit, Lapislazuli und Gold im kreischenden Überfluss. Die ebenfalls bemusterten Parkettböden waren die schönsten, die ich jemals zu Gesicht bekommen hatte.

Vorplatz

Die Eindrücke prasselten mit der Wucht eines Meteoritenregens auf Betriebsausflug auf uns ein und spieen Arnold und mich ausgelaugt und sinnüberflutet auf jenen Vorplatz, wo zu Beginn des letzten Jahrhunderts die berüchtigte Oktoberrevolution ihren Anfang nahm. Es war der totale und vollkommene Overkill.

Doch selbst dieser geballte Angriff auf meine Sinne brachte es am Ende nicht fertig, mich zu bekehren. Ich und Kunst, das ist wie, wenn man einen Maulwurf in ein 3D-Kino steckt. – Sorry, Pablo.

Berührung

Mit einer Ausnahme. Von den Tausenden und Abertausenden ergriff mich ein Gemälde in der Tat so sehr, dass ich längere Zeit davor stehen bleiben musste und davon Gänsehaut bekam, weil mein Herz sich leise rührte und wie eine tief verborgene Saite zu singen begann.

Es war das Bildnis eines Todesengels, der die Seele eines jungen Mädchen (oder eines mädchenhaften Jungens) unter die Arme nahm und sie sanft aus ihrem Sterbebett hob, um sie in die andere Welt zu tragen.
Ich fragte mich, wie es dort wohl sein mochte, und fühlte eine rätselhafte, eine alte Sehnsucht in mir aufsteigen.

Zuckerhaus

So erfuhr und wusste ich zum ersten Mal in meinem Leben, was Kunst für so viele Menschen auf der Welt vermochte und bedeuten konnte.
Trotzdem, es war eines von Myriaden.

Von allen Sehenswürdigkeiten beglückte mich jedoch am meisten der Anblick der wunderhübschen Kazan-Kirche, eine dieser vielen orthodoxen Kirchen mit ihren kunterbunten Lebkuchen-Zwiebeltürmchen auf den Türmen. Vollkommen verzaubert stand ich da und verlor mich in der fantastischen Märchenwelt dieser Zuckerhaus-Kathedrale.

Doch als mein Blick auf die andere Straßenseite schweifte, erwischte mich die kalte Ironie der Realität mit der Gewalt einer panischen Mongolenhorde.
Ich war bis dahin zu viel gereist, um die Aufschrift „Schwabenkeller“ über der Eingangstür eines Wirtshauses allein meinen überreizten Sehnerven zuschreiben zu können.

Frechheit

Nur um dieser armseligen und platten Frechheit unverzagt ins Gesicht zu spucken, gingen wir also hinein und bestellten uns bei der blonden Bedienung im russischen Dirndl ein „Alpen Bier“.

Als Gegenmittel nahmen wir sicherheitshalber eine Soljanka-Suppe und den berühmten „Borschtsch“ ein.
Ich muss allerdings zugeben, dass die dunkle Holzeinrichtung in diesem sonderbar ebenerdigen Gewölbekeller einen durchaus urigen und gemütlichen Vibe verströmte.

Grundwasser

Denn die Stadt befindet sich mitten im Neva-Delta, was die Unterkellerung von Gebäuden aufgrund des hohen Grundwasserspiegels zu einer nassen und damit unmöglichen Angelegenheit macht.

Aus diesem Grund muteten die unendlichen Rolltreppen in den Metro-Stationen auch wie eine Stairway to Hell an. Dafür und wohl genau deswegen war man auf ihnen vergleichsweise flott unterwegs; ansonsten könnte man während der Fahrt womöglich picknicken.

Tiefer

Weil sie demgemäß die U-Bahn-Tunnel viel tiefer als in anderen Großstädten graben mussten. An manchen Stationen standen wir während der kurzen Wartezeiten vor verschlossenen Türen, die wiederum eingefasst waren in dicke Mauern und uns nach Ankunft der Bahn direkt ihr Inneres schleusten, um einen etwaigen Wassereintritt zu vermeiden.

Was den überaus nützlichen Nebeneffekt hatte, dass sich egoistische Selbstmörder nicht etwa vor den Zug werfen und dem armen Fahrer so ein Trauma fürs Leben bescheren konnten.

Hinterhof

Um uns von den überlaufenen Hauptattraktionen etwas zu erholen, besuchten wir einen goldig-trashigen Hinterhofmarkt etwas abseits vom Zentrum, der die Atmosphäre eines lethargischen und/oder phlegmatischen Bazars in Asien verströmte: prollige Sonnenbrillen, kitschige Kleidung, Lederjacken und Billigst-Ramsch allenthalben. Großartig.

Mit unserem eingangs erwähnten, wackligen Gemüt konnten wir dieses stramme Programm jedoch nur überstehen, da wir im Soul Kitchen die dafür bitter benötigte Energie tanken durften, denn es war unübertrieben das Parade- und Musterbeispiel eines Hostels.

Perfekt

Sein endzeit-chilliges Wohnzimmer war mit allerlei strangem Krimskrams an den Wänden behangen, es gab Plattenspieler, selbstverständlich ein Bücherregal, eine Leinwand zum Beamern und darüber hinaus einer Gitarre für Möchtegern-Johnsons.

Die ausgiebige Küche versorgte uns mit Tee und Kaffee für umme sowie mit „common food“, die sich mit bunten Küchengeräten im fancy Retro-Style zubereiten ließ.
Zudem verfügte sie über ein doppelseitig drehbares Waffeleisen; so etwas hatte ich auch noch nie gesehen.

Ausgiebig

Duschen und Waschbecken waren pikobello, und auf dem Klo zwitscherte klassische Musik: kacken auf hohem Niveau, mit Verlaub.

Obwohl ich aufgrund meines abendlich miserablen Zustandes weder sozialisationsfähig noch -willig war, kam bei dem einen oder anderen Gin Tonic (zu rein medizinischen Zwecken) doch das eine oder andere lustige und interessante Gespräch mit anderen Gästen zustande.

Banana?

Da war zum Beispiel ein endslustiger Russe, der unaufhörlich lachte und felsenfest davon überzeugt war und sich nicht davon abbringen ließ, dass Arnold eigentlich Serbe sei. Zu dieser Gelegenheit gründeten wir auch die zukünftig ur-russische Tradition, Chai mit Vodka („Wässerchen“) zu trinken.

Doch das Herz eines guten Hostels war und wird immer der Staff sein.
Alisa, Katharina und die anderen Mädels von der Rezeption (im Fachjargon „Rez“) waren zu allen Zeiten hilfsbereit und zu Späßen aufgelegt und versorgten uns rührend mit ihren himmlischen Pfannkuchen, ihren Cookies und Apfelkuchen.

Fahrplan

So war es am Ende wirklich nicht nur die Müdigkeit, die uns den Abschied von Sankt Petersburg gehörig erschwerte. Aber so muss alles in unserem vergänglichen Leben einmal ein Ende finden; und ich erinnerte mich an den Todesengel.

Solchen Herzens schulterten wir also unsere Rucksäcke und machten uns auf zum Nachtzug, der uns nach Moskau bringen sollte.
Auf dem wuchtigen Bahnhofsvorplatz bekam ich zum ersten Mal einen kleinen Eindruck von der einschüchternden und mächtigen Bauweise Stalinistischer Diktatur.

Aber der wahre Kommunismus muss erst noch geboren werden, wenn wir endlich unsere Angst vor einer umfassenden und globalen Solidarität abgelegt haben werden.
Hoch die Internationale! Oder so.

Statuen

Lapislazuli

Russisch für Systemgegner

Pink Russia

Orthodox

Märchenhaft

Na gut

Overkill

Megaloman

Säulen

Sorry Pablo

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Bitte umblättern: Wirbelwinde & Prächtigkeiten…

 

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