10

Jul

Wellblechdekadenz: Von der Geburt einer neuen Religion

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Drei Farben…
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Großzügig

Eigentlich sollte jeder Tag so beginnen. Und das taten sie auch während meiner Zeit auf den Corn Islands. Aber das war es nicht.
Es waren weder die fraktalen Fächer der Palmen noch die großzügig geschwungenen Buchten aus feinem Sand.

Und bei all den rosanen Filtern muss ich wohl sagen, dass es objektiv gesehen nicht einmal Prachtexemplare waren, die sich da golden, weiß und blau vor meinen Augen ausbreiteten. Versteht mich nicht falsch, wir sprechen hier definitiv über ein tropisches Paradies. Es muss auch zum Himmel schreiend dekadent erscheinen, und doch ist es eine unweigerliche Tatsache:

Makel

Hatte man denn in seinem Leben bereits das Glück und das Privileg, einige Strände dieser entnervend fantastischen Welt gesehen zu haben, so landen die Corn Islands sicherlich nicht auf dem Podestchen. Zudem waren viele Buchten übersät mit teils recht streng riechenden Algengewächsen, die das Sonnenbaden in einen regelrechten Spießrutenlauf verwandelten.

Ich weiß nicht, ob es sich dabei um eine Art Plage handelte, ob einfach die „Saison“ und eine bestimmte Strömung sich dafür zu verantworten hatten, aber sexy war es auf jeden Fall nicht.
Doch wie gesagt, das ist Lamentieren auf höchstem Niveau.

Alleine

Umso mehr als es mir durchaus gelang, ein paar lauschige Ecken zu finden, wo ich trotz der relativen Bekanntheit der Maisinseln inklusive ihrem notgedrungen winzigen Flugplatz sowie einigen wie Murmeln unachtsam in die Gegend gestreuten Beachresorts einen kompletten Strand praktisch für mich alleine hatte.

Immerhin, meiner Brille gefiel es dort so gut, dass sie sich spontan dazu entschloss, sich für immer von mir zu verabschieden und mit der nächstbesten Welle durchzubrennen.
„…Zefix, ich hab’ noch dran gedacht, dass es eine blöde Idee ist, sie bei dem Seegang aufzulassen, ich hab’ noch dran gedacht!“

Quergänger

Was immer mich geritten hat, sie doch mit ins Wasser zu nehmen, ich will es lieber gar nicht wissen. Das überlasse ich flugs meinem Unterbewusstsein, soll sich doch mein Traumselbst damit rumschlagen, dafür ist es schließlich da.

An dieser Stelle muss ich im übrigen kurz einhaken, um einen vollkommen willkürlichen, jedoch unumstößlichen und mit einer immanenten Bedeutsamkeit versehenen Umstand festzuhalten:
Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben über eine Landebahn spaziert, und zwar quer.

Absehbar

Das ist selbstverständlich nur möglich aufgrund des notorischen Entspanntheitsgrades der karibischen Inselbewohner, die den Runway für Passanten im Grunde nur schließen, wenn denn eines der eher spärlichen Flugzeuge bereits im Landeanflug ist.
Was durchaus Sinn macht, denn selbst Big Corn ist so klein, dass der Flugplatz die Insel quasi in zwei Hälften teilt und man andernfalls ständig um Ulm herum gehen müsste.

Das nervt und macht keinen Spaß, also gibt es auf jeder Seite ein schmales Tor im großzügig geschwungenen Maschendrahtzaun. Wieso nicht, perfekt zum Skaten.
Big Corn ist quasi dermaßen klein und damit kurz, dass die Maschinen so tief reinkommen, dass man meint, sie müssten gleich eine Bruchlandung im Busch à la den zwei Himmelhunden vollführen.

Vorsicht

Diese Inseln sind so ein Ort, wo man nicht aufpassen muss, dass man Igel oder Wildschweine überfährt, sondern Krabben. Sie sind ein Ort, wo aus einem Haus in Deiner Hood „Easy“ von Faith No More sachte herauströpfelt anstatt diesem kollektiven Konservenfras aus dem Radio.
Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem solche Musik in den Charts läuft, dann möchte ich dort leben.

Vielleicht nicht gerade in einem Wellblechverschlag, der aussieht, als würde er jeden Moment vom Gewicht seiner eigenen Depression erdrückt werden. Sie verfügen durchaus über eine faszinierend tragische Schönheit, diese ultimativen und fatalen Zeugnisse menschlicher Armut und Verzweiflung, aber eben nur von außen.

Depression

Nicht anders ergeht es ihren pompösen und verputzten Gegenstücken, nur vom anderen Extrem her aufgesponnen: Für ein Gemälde mögen sie durchaus taugen, aber ich würde niemals in so einer emotionalen Gefriertruhe leben wollen, wo innen alles so sehr glänzt und glitzert, dass einem die Sehnerven explodieren, wenn man keine Schutzbrille aus Vibranium trägt.

Das hält doch keiner aus. Vielleicht eine Kombination aus beiden: Wände aus zieseliertem Gold und Marmor, verkleidet mit rostigem Eisen als politisches Statement und Identifizierung mit der Massenbasis. Fußbodenheizung und Saunabereich mit wifi, wiederum mit staubig gammelnden und knarzenden Holzdielen versehen für die Gemütlichkeit.

Samtweich

Ich komm’ schon noch drauf und sei es wie es will, jene Flecken atmen einen Odem aus, der einen samtweich davonträgt, wenn man nicht auf seine Füße aufpasst.
Das war dort aufallender als ein quietschebunter Esoteriker in einer Schwadron Hells Angels, denn ich glaube, ich war zum ersten Mal an einem Ort, wo Reggae nicht (nur) als kiffende Touristenangel fungiert.

Im Gegenteil, hier scheint der Sound zum Alltagsleben zu gehören wie bei uns Helene Fischer. Und das ist ganz schön deprimierend.

Hood

Ich denke, in einem Tag könnte man locker um die Insel herumwandern, die im Prinzip aus einem Dorf mit ähnlich unachtsam verstreuten Neighbourhoods besteht.
Was ich natürlich niemals tun würde, denn ich bin ja nicht blöd. Derartig schweißtreibende Tätigkeiten zerteilte ich in wohl proportionierte Häppchen und dehnte sie zeitlich aus wie einen gut aufgegangenen Pizzateig.

Heiliger Scherz

Viel mehr Zeit pro Tag ließ sich auch kaum erübrigen zwischen meinen Mahlzeiten und einigen aufgrund der schwülen Hitze bitter notwendigen Ozeangängen, denn am späten Nachmittag war es für mich an der Zeit, der Sonne mein bescheidenes Geleit zum Horizont zu gewähren, was nur recht und billig erschien.

Und was sich da Tag für Tag am Himmel abspielte, das sprengt in der Tat jegliche Vorstellung von Begrifflichkeiten. Es nimmt Konzepte bei der Hand, um sie ihnen im nächsten Atemzug abzuhacken und den Rest in derart kleine Stücke zu zerreißen, dass sie in dem Nichts landen, aus dem sie geboren wurden.

Ich meine, schaut Euch doch das einmal an. Wie, welche… wie?… Kann es so etwas denn wirklich geben?
Nun, eigentlich nicht, und doch ist es so.
Bitte? – Selbstverständlich sind die Seiten gleich lang. Das ist Heilige Geometrie, Mann! Wir reden hier von einem gleichseitigen Dreieck, also müssen alle Seiten gleich lang sein. qed. Was wiederum bedeutet, dass ich der Auserwählte bin. Folgt mir!

Schauspiel

Nachhall

Feder

Ein Zeichen!

Herum

Perspektiven

Einblick

 

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Bitte umblättern: Leise weht…

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