12

Apr

Abschiede im Morgengrauen – Das Universum winkt

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Zu Adhäsionskräften…
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Trocken

–- Jump! Ein paar Tage später saß ich mit gemischten Gefühlen im Bus nach Awassa, etwa fünf Stunden südlich von Addis.

Mein Sitznachbar war sehr nett und hatte eine angenehme Stimme. Mit meinem Smartphone zielte ich halbherzig aus dem Fenster, aber die Landschaft da draußen präsentierte sich überwiegend flach und langweilig, eine Ausnahme von der fulminanten Regel, wie sich später herausstellen sollte.

Ab und an lugten pittoreske Rundhütten zwischen Bäumen und Sträuchern hervor. Abgesehen davon nur grimmer Staub, der das Land unter einer dicken, grauen Schicht zu ersticken drohte…

Grau

Ach! Es ist passiert. Nach fünfzehn Jahren des Reisens ohne einen einzigen Diebstahl! hat es mich am Ende doch noch erwischt.
Das Bemerkenswerte daran war, dass einige sehr bewusste Entscheidungen von meiner Seite zu exakt dieser Situation geführt hatten.

Ich entschied nämlich mich dazu, meine Fotos der vergangenen Tage, unter anderem von der Timkat-Prozession und meiner kurzen Wanderung in den Entoto-Bergen, nicht auf meinem Rechner zu speichern.

Artefakt

Somit hätte ich sämtliche Eindrücke von – Gott sei Dank – nur zwei Tagen verloren, hätten sich nicht ein paar Artefakte auf mein Smartphone verloren, die irgendwann in achttausend Jahren oder so, einem Rudel hochtrabend erhabener Archäologen einigen Aufschluss werden geben können bei der Rekonstruktion meiner Abenteuer…

…Ist das vermessen? – Mea culpa.
Ich hatte auch bewusst entschieden, kein Taxi zu nehmen, weil die einen eh nur verarschen. Ja, und vielleicht war ich nach all den Jahren auch einfach nur eingelullt, zu sorglos und vertrauensvoll in mein materielles Geschick.

Vermessen

Und so kam es also. Als ich früh am Morgen am Tag meiner Abreise in die erwachende Kesselstadt und zur Bushaltestelle am Meskel Square hinunter wanderte, da endlich erwischte es mich saukalt.

Selbst als es an meiner rechten Seite entschlossen zupfte, brauchte ich noch immer ein paar Sekunden, um zu realisieren, was da eben geschehen war:
„Wie jetzt. Ein Räuber etwa?“ Aber da hängt doch nichts Wertvolles außer meine zerschlissene, zernagte, baufällige alte Digitalkaaaach du Scheiße. —

Nee, ne? Tatsächlich. Sie war weg. Auf und davon in den undurchdringlichen Schatten der Seitengassen. Zunächst legte ich meine surrenden Gedanken und Gefühle beiseite, eine äußerst bittere Gewürzmischung aus Verlust, Trauer, Ärger über die eigene Dummheit und schlichter Geistesverwirrung.
Schließlich musste ich den Bus erwischen.

Kein wifi

Nach zehn Jahren also hat sich meine treue Begleiterin ganz heimlich und unromantisch davongestohlen. Immerhin, ich hatte Glück im Unglück, denn von allen technischen Geräten und „Wertsachen“, die ich zu dem Zeitpunkt bei mir trug, hätte der arme Tropf nichts Wertloseres als die alte Krücke erwischen können.

Die hatte noch nicht mal wifi. – Himmel, die Lasche des Batteriefachs war schon lange im Eimer; ich musste sie immer mit Gewalt ans Gerät drücken, damit die Dinger wenigstens genug Saft für ein Foto abgaben.

Abschied

Und noch einmal, es war eine ganz verdächtige Serie aus Entscheidungen gewesen, die mich jene Situation geführt hatten. Die Speicherkarte wiederum, die zur Zeit der Untat darin schlummerte und ganz rüpelhaft aus ihren Träumen von Bits und Datenteilchen gerissen wurde, war die kleinste gewesen, die ich überhaupt besaß.

Ich lege sonst immer die Große ein. IMMER.
Also war es vielleicht einfach an der Zeit gewesen, dass wir uns trennen sollten. Und ich wünsche ihr in ihrem neuen Leben alles Gute und meinen außerordentlichen Segen.

Teilnahmslos

Ist es nicht geradezu rührend und belustigend, wie sich das Universum um einen kümmert und tröstet nach Ereignissen, die durchwebt sind von Schicksalsschlägen, wenn man nur den richtigen Blickwinkel dafür hat?

Im Verlaufe jenes seltsamen und verstörenden Tages, da ich im Bus saß und teilnahmslos nach draußen blickte, und immer wieder Windstöße aus Reue, Schmerz, Trauer und Niedergeschlagenheit an mir vorbeizogen wie die gequälte Landschaft jenseits des Fensters,

Geteiltes Leid

da hörte ich meinem Nebensitzer gebannt und mitfühlend zu, denn ihm wurde nicht nur ein verkratztes Museumsstück, sondern mithin der komplette Rucksack geklaut.
Und da war alles drin, alles. Im Vergleich zu meinem Leidensgenossen aus Uganda kam ich also noch recht ungeschoren davon.

Auch in Awassa, als ich schon wieder feixend und lachend mit Elvis und Robel zusammensaß und wir die Sterne vom Himmel holten und die Welt in Stücke hieben, auch da widerfuhr mir Linderung. Denn an jenem Tag der Vorsehung waren noch zwei weitere Touristen beklaut worden. Geteiltes Leid ist gevierteltes Leid.

Substanz

Und am Ende ist sowieso immer der Vollmond schuld. Oder Timkat. Denn wer viel ausgeben will, braucht dazu ein ordentliches Budget…
Dreht und wendet es, wie Ihr wollt, Ihr nimmer endenden Stimmen in meinem geplagten Kopf, aber Äthiopien zu bereisen, das schwant mir jetzt schon, das wird intensiv und geht an die Substanz.

Das Leben dort ist dick und süß, aber wenn man nicht auf der Hut ist, pickt man sich wüst an seinen halb verborgenen Stacheln.
„Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.“
(Aus: Hermann Hesse, „Stufen“)

Nimm Abschied

Dergestalt erlebte ich inmitten des inneren Trubels auch Momente der Erleichterung und der Unbeschwertheit.
…Wie das Leiden die Menschen verbindet. Vielleicht liegt darin sogar eine ganz wertvolle Lehre, die es daraus zu ziehen gilt. Aber das soll uns hier nicht weiter belasten.

Gott, das klingt grade so, als ob ich eben einen Bürgerkrieg überlebt hätte, wie?
Aber so ist das, wenn die Gedanken einmal fliegen. Dann fällt es mir mitunter sehr schwer, ihnen Einhalt zu gebieten.
Und wieso um alles in der Welt sollte ich? Wenn es doch sooo viel… Spaß macht!

Unbeschwert

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Bitte umblättern: Chiller of Life…

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