11

Apr

Zu Adhäsionskräften von Pilgern und armen Kindern

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Ziegen, die auf…
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Taxi!

Ein Gutteil meiner zuvor abschmierenden Laune hing wohl damit zusammen, dass ich nicht so recht wusste, was ich mit dem kommenden Wochenende anstellen sollte. Denn es war „Timkat“, die Christustaufe, ein in ganz Äthiopien ausgelassen gefeiertes Ereignis, wo sich Betten zu einer Singulärität verdichten und deren Preise im Gegensatz dazu wie in einem wirtschaftlichen Urknall explodieren.

Am schönsten, geheimnisvollsten und beeindruckendsten muss dies wohl in Gondar vonstatten gehen, also überlegte ich mir ernsthaft, ob ich trotz infrastruktureller Dürre – selbst die Couchsurfer waren ausgebucht – dorthin fahren sollte.

Für meine Oma

Aber alles in mir wehrte sich dagegen aus Gründen, die nur das Leben selbst kennt. Hätte in jenem Moment mein Kopf das Sagen gehabt, ich hätte alle Hebel dieser Welt in Bewegung gesetzt, um den gierblinden Horden folgend dorthin zu gelangen.

Doch so blieb ich letzten Endes in Addis, verschanzte mich auf meinem Balkon und machte verschiedene Dinge.
Zum Beispiel unternahm ich an meinem letzten Tag in der Stadt einen verwegenen und quasi halsbrecherischen Tauchgang im weißen Kleidermeer der Timkat-Pilger.

(Für meine Oma: Selbstverständlich lag mir ein solches Gebaren derart fern und kam für mich aufgrund meines bedachten und umsichtigen Wesens niemals auch nur ansatzweise in Betracht, so dass ich letzten Endes den Zug nahm.)

Ethio Didge

Sonnenschirme stachen mit erweiterten Pupillen wie bekiffte Periskope aus den Wogen heraus, schlimmer wie damals in Gibraltar. Die Schafsscharen folgten den Gruppen aus Sängern, Trommlern, Priestern, Harfenspielerinnen sowie einer Abteilung Männer, die in die äthiopische Version eines Alp-Didgeridoos bliesen.

Angetrieben wurden sie von blau uniformierten Polizisten, die die Herde in ihrer Verzückung im Zaume hielten. Berittene Beamte sorgten für die Luftaufklärung. Straßenverkäufer trieben wie havarierte Schlauchboote voller ertrinkender Flüchtlinge im Ozean der Leiber und des Frohsinns.

Seitenstraße

„Ich muss hier raus… DA! Eine Seitenstraße!“ Es dauerte bestimmt nicht länger als fünfzehn Minuten, bis ich mich beharrlich von der linken auf die rechte Straßenseite geschoben hatte, kontrolliert ein- und ausatmend nach rechts ausscherte und… PfffHAHHH!!

Wie wenn eine vor Ungeduld kreischende Düsenmaschine auf Hochtouren auf ihrem Flugzeugträger die Bremsen löst und innerhalb von drei Sekunden auf Überschall beschleunigt, ergoss ich mich japsend in die Freiheit! Puuh, tief durchatmen – und nichts wie weg.
Das war in der Nähe des „Janmeda“-Sportplatzes, wo sich jedes Jahr die meisten Pilger versammelten.

Leben

Meine Mahlzeiten zu der Zeit nahm ich im grundsympathischen „Beaman“-Café ein mit seiner warmen Wandfarbe und den süßen Lehnhockern aus hellbraunem Holz. Auf dem Boden verstreuten sie lange, dicke Grashalme, wie es Sitte ist in diesem Land. Neben dem Eingang befand sich der gut bestückte Altar, auf dem der traditionelle Kaffee warm gehalten wurde.

Das Essen war köstlich, vor allem da es kaum teurer als zwei Euro war. Ich setzte mich direkt hinter die Glasscheibe, die auf die Straße hinausblickte, und sah dem Leben in Addis’ ältestem Stadtviertel zu. Die Sonne stieg immer höher, während immer mehr „ful“ meine sehnsüchtige Kehle hinunterrann.

Ewig

Das ist eine Art Linsenpürée mit Butter, Tomaten, Zwiebeln und uuhhot! grünen Pfefferschoten. Dazu gibt es knuspriges Weißbrot zum Eintunken; das schlägt fast mein geliebtes indisches Dal mit Naanbrot!
Es war, als ob sich ein Stück Herzenswärme langsam und genüsslich in meinem Körper ausbreitete, um es sich dann mit einem guten Buch in der Hand vor dem offenen Kamin in meiner Magenwand gemütlich zu machen.

Es war einer dieser goldenen Momente, die ewig währen und am Himmel leuchten wie ein neu entfachter Stern.
Das „tib“-Fleischgulasch am andern Tag hätte ich aber getrost sein lassen können, denn das war so zäh und fühlte sich an wie ein alter Kaugummi, als ich es schwitzend hinunter zwang.

Dodgy

Obwohl ich mich nach meiner ersten, eher abtörnenden Begegnung mit Piassa innerlich zunächst sträubte, fand ich langsam Gefallen an der Ecke. Sie war und wird wohl immer etwas dodgy bleiben. Prostituierte säumten die Hauptstraße am Abend, und aus den lärmenden Bars drangen anstößige und aufdringliche Laute.

Da verzog ich mich lieber wieder auf meinen Balkon und sah den Flugzeugen beim Landeanflug zu. Gerade ging ein voller Mond hinter einer schlanken Pinie unter, die sich schwarz vor dem kalten Gleißen unseres Trabanten abhob.

Es tat gut, mich nach dem anstrengenden Ausflug in die Höhen Entotos etwas zu erholen, bevor ich Addis Abeba endlich meinen Rucksack kehrte. Doch war ich mir zu dem Zeitpunkt fast sicher, dass es mich noch das eine oder andere Mal in dieses Baustellengrab verschlagen sollte, denn es liegt praktisch genau in der Mitte des Landes: der ultimative Knotenpunkt.

Grab

Brauchst Du etwas, ruf in Addis Abeba an.
Meine erwähnte Wanderung fiel wiederum auf den Freitag, die Vorbereitungen für Timkat liefen da dröhnend und scheppernd auf Hochtouren: Die ersten Prozessionen wurden geübt und stolzer Gesang zerschnitt hell und scharf wie ein Messer die brütende Luft.

Aber unaufhaltsam wie ein schmelzender Gletscher bahnte ich mir einen Weg durch die betuchten Massen, schritt entlang frisch duftender Eukalyptus-Bäume (schnell wachsendes Holz, Rohstoff, Monokultur, Erosion. Die alte Leier.) und vorbei an Ziegen, Packeseln und bettelnden Kindern stetig nach oben.

Höhen

Ich glaube, einen so heftigen Ansturm auf mein weiches Herz habe ich bisher sehr selten erlebt, die Kleinen ließen nicht so leicht locker. Das ist schon schwer in solchen Momenten, der Hals wird einem hart und eng. Aber letzten Endes vertraue ich auf die alte Weisheit, dass man nur großzügig und freigebig sein soll, wenn es auch wirklich Sinn macht.

Trotzdem, ich habe schon Situationen erlebt, wo die Grenzen verschwimmen und ich nicht mehr klar abzugrenzen vermag, was nun noch gesunder Menschenverstand ist oder sich nur als solcher verkleidet. Die Wahrnehmungen vermischen sich, und doch herrscht irgendwo ein klar umrissenes Verhältnis an Gedanken und Emotionen, die wiederum selbst und für sich genommen schwer einzufangen sind.
Im Prinzip ein gelungenes Masala.

Schweifen

Es war erhebend, die Ruhe und die frische Luft da oben auf über 3.000 Metern einzuatmen, sachte, und über die goldbraunen Felder zu spazieren, während mein Blick von der Anhöhe des Sattels weit in die flache Hochebene schweifte, vorbei an weiteren Eukalyptus-Plantagen.

„Ferenji ferenji!“ Es wurde schon langsam dunkel, als ich am Abend endlich in einen Minibus stieg, der mich zum Siddist Kilo-Kreisverkehr brachte am Rande von Piassa.

Gold

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Bitte umblättern: Abschiede im Morgengrauen…

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