20

Jan

Dystopien: Wer hat Angst vor’m Hutzelmann?

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Von Gleichnissen und…
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Ausklinken

Also klinkte ich mich für ein paar Tage komplett aus. Mein Lehrer, welcher mich dort offiziell empfing, war sehr entspannt und zweckorientiert. Beim „Einchecken“ war er selber nicht zugegen, erklärte mir nur am Telefon, ich solle danach gleich mit dem Meditieren beginnen, er käme dann um Vier zum Gespräch vorbei. Like that.

Außer mir war als einziger Westler nur Ben aus den Staaten in der Stille, welche er kurz großzügig unterbrach, um mir alles zu zeigen. Obwohl wir in den sechs Tagen kaum miteinander sprachen, hatte ich das dringliche Gefühl, dass wir an jedem anderen Ort eine ziemlich gute Zeit miteinander gehabt hätten.

Belüftet

Der Rest waren vor allem einheimische Frauen, die aber allesamt aussahen, als ob ihnen Pilatus höchstpersönlich das Kreuz auf den Rücken genagelt hätte. Ob die das mit dem Meditieren wirklich richtig verstanden oder sich nicht zufällig in der Religion geirrt hatten, habe ich mich da gefragt.

Wir schliefen auf einer -eingeschweißten?!- Matratze in einer Art Schlafsaal, es gab Duschen mit heißem Wasser, in wirklich JEDEM Raum mindestens eine Klimaanlage UND Ventilator, in manchen Meditationsräumen sogar zwei. (Ich glaube, ganz Thailand ist durchairconisiert.). Ich bin mir ziemlich sicher, es gab auch heimlich Internetz, denn allabendlich sah ich einige Mönche in ihren Zimmern ausgiebig am Rechner hocken.

Brekkie

Um sechs Uhr morgens war Frühstück, danach von Sieben bis Zehn Meditieren, um halb elf „Lunch“ (denn buddhistische Mönche dürfen ab Mittag nichts mehr essen), dann wieder von Eins bis Vier Meditation und noch einmal um Sechs am Abend, immer drei Stunden. Jeden Tag nach der zweiten Meditationsrunde trafen wir unseren Lehrer, Herrn Narong, zum Gespräch, um Fragen und Probleme zu diskutieren.

Das heißt, alles in allem neun Stunden Konzentration täglich. Das ist ganz schön stramm. Das Essen war einfach, aber lecker, allerdings kam ich mir in meinen blasslila Einheitsklamotten mit dem Kantinentablett schon ein bisschen vor wie ein gleichgeschalteter Arbeiter in Orwells 1984. Doppelplusgut.

Auch wohnte da so ein uralter Mönch, der jeden Morgen die Essensgebete anleitete. Er brachte Ben und mir während den Mahlzeiten Thai bei, indem er uns wie ein strenger Schullehrer den Namen der Beilage vorsagte, welchen wir dann wiederholen sollten.

Hutzel-Ben

Stellt Euch dazu so ein dürres Hutzelmännchen vor, welches mit seinem Zeigefinger fast in unser Essen stocherte, während Ben tektonisch langsam und mit groooßen Kulleraugen aus seiner Kaumeditation empor schwebte. Mönch: „Khao Batt!“ Ben: „Khäoo Pad?“ -stocherstocher- „Khao Batt!!“ – „Khäo Bat.“ -Grinsen- „Okeeeee.“ Brilliant.

Ja, und ansonsten hab’ ich einfach mal die Fresse gehalten. Das fand ich jetzad aber gar nicht so eindrücklich, denn mir wurde schnell klar, dass ich ja des öfteren bereits allein und in abgelegenen Gegenden unterwegs gewesen war und da auch wenig bis nix gefaselt hatte. Außer mit mir, gollum gollum!

Burn-Out

Trotzdem war es eine sehr beglückende und interessante Erfahrung, vor allem aufgrund der Tatsache, dass ich völlig abgearbeitet in diese Reise gestartet war, was meine armen gekreuzigten Arbeitskollegen sicherlich bezeugen könnten.

Ich hatte mich ja schon im Zuge meiner letzten Reise zu meinem Burn geoutet, und der kühlte über die vergangene Saison sicher nicht ab, sondern flackerte fröhlich weiter wie ein Flächenbrand in Kalifornien.

Dass ich mich mitten im frenetischen Trubel von Thailands sexy abgefuckter Metropole für sechs Tage hinter jenen Mauern in eine Oase der Ruhe und der Einkehr zurückziehen konnte, war demnach wirklich und wahrhaftig Gold wert.

Sexy abgefuckt

Das Meditieren an sich brachte mir selbstverständlich einige erstaunliche Einsichten bei, aber über weite Strecken tat es einfach nur scheiß – weh.
Noch niemals zuvor hatte ich mich freiwillig derartigen Schmerzen ausgesetzt. Es fühlte sich an, als ob auf meinem Rücken eine blutige Schlacht ausgetragen wurde.

Mein ganzer unterer Körper stand lichterloh in Flammen und schrie, schrie, schrie.
Passenderweise sah unser Meditationsraum auch aus wie eine geflieste Folterkammer, nur mit Buddhastatuen und Räucherstäbchen indesigned anstelle von spitzen, verrosteten Werkzeugen. Aaalter!

Folter in 5D

Wer einmal versucht hat, eine halbe Stunde lang im Schneidersitz zu sitzen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, kann meine Pein vielleicht in etwa nachvollziehen. Das ist eeecht kein Spaß!

Trotz jahrelanger Yoga-Praxis und dank mannigfaltiger Leistenzerrungen während meiner opulenten Handballkarriere war ich zu dem Zeitpunkt um die Hüfte ziemlich steif und unbeweglich, sprich, zu sitzen wie das tapfere Schneiderlein fiel mir an sich schon nicht leicht. Allein bei dem Gedanken an den Lotossitz sprangen mir die Kniescheiben wie Rettungskapseln in alle Himmelsrichtungen davon.

Doch es waren nicht nur die Schmerzen allein, denn nach einer Weile schien meine gesamte untere Körperhälfte plötzlich gar nicht mehr vorhanden.
„So fühlt sich also der Tod an“, dachte ich.

Metropole

Stress

Oase

Vorstellung

Meditation

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