19

Jul

Armer Meister Proper: Vom Leben und Verwesen

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Eine Affeninsel…
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Tresen

Morgan erklärte mich im weiteren Verlauf zu seinem Lieblings-Deutschen, wohl weil ich der einzige war, und mithin auch der Einzige, der lange genug am selben Platz saß, damit er sich an ihm festhalten, austarieren und neu kalibrieren konnte.

Hatte er denn wieder einmal für einige Augenblicke seine Balance in einem einigermaßen labilen Gleichgewicht, so schlug er gern mit mir ein, zog meine Hand zu sich heran und rieb sich aus irgendeinem Grund damit sein Kinn. Ich nehme an, es handelte sich dabei um eine Art der nicht invasiven Blutsbrüderschaft.

Nostalgie

Einige Male musste ich schmunzeln, wie ich da mit ihnen so beisammen saß am Tresen, mit glasigen Augen ihre aufgeregten Faxen beobachtete, ihren Geschichten zuhörte und manches Mal auch in gelangweilter Stille vor mich hinstarrte. Eigentlich bin ich da drüber weg, doch in ihrer Gesellschaft fiel es mir leicht, stattdessen darüber hinweg zu sehen, verklärt zu grinsen und in schummriger Nostalgie zu schwelgen.

So sehr erinnerten mich diese verschwommenen und prozentschwangeren Szenen an meine langen und süßen Jahre in der legendären womBar, wo am Ende mehr Leute hinter dem Tresen standen als davor: verlorene Seelen auf der Suche nach Irgendwas.

Erdig

Doch es dauerte eine Weile, bis ich mich in diesem sandigen, erdigen, schwülen, mückenverseuchten und nach Entenkacke stinkenden Nest wohl fühlte, denn der Fluch der Karibik lastete noch immer schwer auf meiner Seele. Zu Beginn mochte ich die Insel im Lago Cocibolca ja überhaupt nicht leiden.

Alles auf Ometepe ekelte mich nur an und war hässlich: in was für ein grindiges Loch war ich da nur geraten? Als ich, Badehose schon an und freudig hopsend, zum ersten Mal in die trübe Brühe des Sees blickte, drehte ich mich angewidert wieder um und setzte volle drei Tage keinen Fuß in diesen lauwarmen Tümpel.

Furchtbar

Schon wollte ich wieder zurück auf meine süßen und herrlich klaren Karibikperlen, bevor mich Ria’s sanfte Einflüsterungen (und Luisa’s Ingwerschnaps) nach und nach von dem düsteren Bann befreiten.

Aber in der Tat, zimperlich durfte man bei Morgan nicht sein.
Über die Wege zu marschieren, die durch die ausgedörrten und nach Regen lechzenden Bananen- und Palmenhaine des großen Anwesens führten, war in etwa so wie durch einen finsteren, vergessenen Höhlentunnel zu tapsen, der seit Jahrtausenden nicht betreten wurde.
(Ich will nicht schon wieder Vergleiche mit Indiana Jones ziehen.)

Brühe

Ständig kam ich mir vor wie die armen Zwerge im Düsterwald, eingewickelt in einen grauen Kokon aus klebriger Seide: die Biester webten schneller ihre Netze als man „Atterkopp“ sagen konnte. Ihnen auszuweichen schien in etwa so Erfolg versprechend wie in einem Monsunregen trocken zu bleiben.

Und den Mund bitte immer geschlossen halten, wenn man keine Lust hatte, sich an Mückenschwärmen zu verschlucken oder spätestens an einem Eiweißkoma zu krepieren. Gott sei Dank stachen sie nicht, sonst wäre es mir ergangen wie der armen Schnickse bei „Hunger Games“.

Danger

Aah, es war schon etwas nervig ab und zu, ständig krabbelte, kitzelte und juckte etwas auf meinem Körper, alles lebte und wuselte und verweste. Ich hatte alle paar Minuten das Bedürfnis, mich zu duschen und meine Haut mit Kernseife rosarot zu schrubben, und etwas Derartiges kommt mir ansonsten nur nach fünf Tagen Musikfestival im Dreck und Schlamm in den Sinn.

Aber es gab auch einige untadelige Mitbewohner, allen voran die fünf Haustölen, wiederum mit ihren ganz eigenen Charakteren: Balu, der Anführer mit seinem kehligen Knurren wie ein Unheil verkündendes Donnergrollen bei einem aufziehenden Sommergewitter, Indy, der einsame Steppenwolf, Danger Mouse war das hässliche Brain des Rudels, Bennie dementsprechend der gut aussehende, aber etwas tolpatschige Pinky und zu guter Letzt die weißflauschige Diva mit dem Namen im Programm.

Abendpink

Des Nachts kamen die Glühwürmchen heraus und irrlichterten vergnügt zwischen und über die Felsen am Seeufer, während weiter hinten der mächtige Kegel des Vulkans Conceptión in der zunehmenden Dunkelheit thronte, während die letzten Farbkleckse des feurigen Abendrots klingend verblassten.

…Ist es normalerweise nicht der Schwanz, der bei Glühwürmchen leuchtet? Weil, bei den Viechern hier scheinen es die Augen zu sein, zumindest sind da deutlich zwei grüne Punkte auszumachen – was eh ziemlich cool aussieht. Und klein sind die auch nicht grade, erinnern schon eher an dicke Fleischmücken als an zierliche Elfengesummse.

Thron

Ist letzten Endes auch egal, ein schöner Anblick war es, während das Wasser leise gegen die Felsen plätscherte und mir unser Nachbar, ein einsamer Brüllaffe in den Bäumen, ein Abschiedsständchen sang.

Das war wieder so ein Moment, wo ich mich aktiv daran erinnern musste, wo ich eigentlich war und was ich da grade erlebte: noch ein fantastischer Sonnenuntergang in fast schon psychedelische Farben getaucht, als Protagonist des Gemäldes ein konischer Krater in perfekter, goldener Symmetrie.

Zuckerwatte

Dazu die wild romantischen Klänge der Subtropen, Palmen raschelten in der aufkommenden Brise, eingerahmt vom leuchtenden Tanz der Firefly-Ensembles und den brennenden Federwolken am Himmel, die aussahen wie explodierte Zuckerwatte.

Im wahrsten Sinne der Gipfel und Inbegriff des Kitschs, doch tat es der Schönheit und ätherischen Erhabenheit jenes zeitlosen Momentes überhaupt keinen Abbruch, sondern wird für immer in meinem Gedächtnis leuchten, in all seinen Farben, in all seinen Formen, mit seiner ganzen Vielfalt und Anmut.
Uffff, Zeit für einen Drink, es fängt eh gleich an zu regnen: „Rum an’ Coke, please. Dark – and strong.“

Lonesome

Unwirklich

 

 

 

 

 

 

 

Irrlicht

Hain

Balu

 

 

 

 

 

 

 

Explosion

Federn

Suhlen

 

 

 

 

 

 

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