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Lebendig

Ähnliches Programm am Tag darauf, jedoch mit umgekehrten Vorzeichen. Ein wundervoll heruntergerittener Mercedes-Minibus* brachte mich die siebzig Kilometer nach Ali Sadr, wo es die angeblich großartigste Wasserhöhle der Welt geben sollte.

Wie gesagt, eigentlich war ich mittlerweile ziemlich durch mit Sightseeing. Aber wie

lange schon wollte ich durch eine unterirdische Höhle dahinschippern – wenn auch nicht hipcool in einem aufgepumpten Auto-Reifen, so doch wenigstens in einem Tretboot! Das fetzt voll, Digger.

Ruhe

* Ich weiß auch nicht, aber je ungemütlicher und eingefleischter ein Transportmittel, das mich auf meinen Reisen weiter bringt, sich darstellt, desto lebendiger fühle ich mich. Wahrscheinlich weil ich in derartigen Situationen Muskeln und Knochen spüre, derer ich sonst in meinem Leben nie und nimmer gewahr werden… würde. …würde, richtig?

Ali Sadr kam mir vor wie ein Orwell’sches Geisterkaff, da fehlten nur die kullernden Wüstengebüsche, die melancholisch durch die Straßen wehen. Die Warte- und Tickethalle hatte Ausmaße wie das Terminal eines großstädtischen Busbahnhofs. Scheiße, was muss zur Hauptsaison nur hier los sein?
Jetzt… die Ruhe vor dem Sturm von No Ruz.

Haken

Auch die eher flache und trostlose Umgebung schien keinesfalls auf eine ausgedehnte Unterwelt hinzudeuten, nur ein unscheinbarer Hügel erhob sich nahe des Ortes aus der weiten Ebene.
Mal ehrlich, welche Kräuter muss man rauchen, um hier auf eine der berühmtesten Höhlen weltweit zu stoßen: „Heeee Oooida, i hob a saugeile Idee…pffhfhfhfhf…“

Aber um so besser, kam ich schneller rein. Schwimmweste an und ab ins Vergnügen!
Ein deprimiert und verloren wirkender Angestellter verfrachtete mich und zwei iranische Jungs ins Boot und los ging die plätschernde Fahrt. Haken.

Tropfen

Das Wasser war natürlich eiskalt, annähernd pH-neutral und an manchen Stellen bis zu 14 Meter tief. Immer wieder zweigten schummernde Nebenflüsse und Grotten im trüben Scheinwerferlicht ab, während wir unter teilweise in Kopfhöhe befindlichen und tröpfchenweise wachsenden Steindecken dahinglitten.

Immer wieder staunte ich über die überschwängliche Vielfalt der Stalagdings-Formationen, welche mich an die sich stets weiter verzweigenden und aus sich selbst heraus entstehenden Fraktale erinnerten.

Quallenberg

Unterseeische, versteinerte Quallenschwärme und Korallenriffe schienen da über meinen sich ausbauchenden Augen aufzusteigen. Mein Mund stand aufgrund des spitzen Winkels meines Nackens notwendigerweise sperrangelweit offen.

Wälder aus messerscharfen Steinzapfen wechselten sich ab mit stolzen, aus den Gebeinen der Erde wachsenden Säulen, die ausgewachsenen Termitenhügeln glichen. Doch das Erstaunlichste war, dass es innerhalb dieses Venedigs aus dunklen Tunneln und steinernen Separées Erhebungen gab, die man in der Tat besteigen konnte.

Ein Berg im Berg und ein Paradiesgarten für mürrische Zwerge, die oft zu gierig und zu tief schürfen.
Doch ach. Die düstere Romantik einer so gänzlich anderen Sphäre wurde grob zerstört durch die eklatante touristische Infrastuktur dieses Naturwunders.

Struktur

Geflieste Flure und Laufgänge mit verchromten Geländern erleichtern Besuchern während den Paddelpausen das Entdecken der verwinkelten Gänge, sogar ganze Treppenfluchten, auf denen eine Armee hätte Aufstellung beziehen können, waren hier in den Fels gehauen!

Aber fasst mir bloß nicht den Stein an. Denn es handelt sich hierbei um ein fragiles und sensibles Ökosystem. Mhm.
Scheiße, ich kam mir vor wie auf einer Kreuzfahrt um den Bodensee. Sogar ein Café gab es hier unten! In dieses grandiose, versteckte Wasserreich hatten diese heuchlerischen Dilettanten einen verD’MTEN Coffeshop genagelt!!

Weiterrrrr…!

Überall waren Leuchtschilder, als ob man sich innerhalb einer Raketenabschussstation befände, und einige der beleuchteten Stalaktitengemälde schienen von Andy Warhol himself während eines ganz üblen Acid-Trips angepinselt worden zu sein.
Kann das die Wahrheit sein?? Aber das Universum sagt: ja, das geht.

Manchmal kennt die menschliche Grausamkeit keine Grenzen.
Gut, das ist jetzt bei weitem nix Neues. Man muss nur für ein paar Sekunden die Glotze anmachen und… brrrr. Ich trau‘ mich gar nicht weiter zu schreiben.
Aber es war auf dem ganzen Spektrum ein eindrückliches Erlebnis, keine Frage.

Ungemütlich

Beschließen wollte ich meinen Aufenthalt mit einem abwärmenden Spaziergang durch den örtlichen Bazaar, doch als ich am folgenden stürmischen Morgen das Büro einer Travel Agency betrat und nach einem Busticket für den Tag danach fragte, hieß es nur: „Farda naa, fagad emruz!“ (Morgen nicht, nur heute!)

Hm. Ich stand draußen auf der Straße und überlegte, während der pfeifende Wind ungemütlich an meinen Kleidern zerrte. Eigentlich ein guter Tag zum Reisen. Winkt das Schicksal mich weiter? Wird es Zeit, aufzubrechen?

Zeichen

Schon während meines ersten Spaziergangs erspähte ich, als ich vermeintlich falsch abbog, durch Zufall ein entzückendes Straßenschild, bei dessen Anblick ich laut auflachen musste. Ich befand mich am Eingang zum „Isar Alley“ (Auf Farsi heißt das „Opfer“; Iraner sind auch große Melodramatiker).

Hier, etwa drei Wochen vor meiner Abreise, rief mich sanft und leise die Heimat bereits wieder zurück in ihren warmen Schoß.

Ja… es war Zeit. Fix die sieben Sachen packen, Geld wechseln (gut 200 Öcken in umgerechnet 1- und 2-Euro-Scheinen ahaaa), Ticket kaufen, auschecken und auf, auf, hinauf auf die spontan springende Welle, welche mich -in der Tat just zum rechten Moment- an neue Gestade tragen sollte.

Ökosystem

Erstarrt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schwarm

Ewig

 

 

 

 

 

 

 

Abschied

Korallen

Fraktal

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