26

Jun

Laus über Gottes Leber gelaufen – Vatikan entsetzt

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Prekäre Traumzeit…
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Lebensart

Willkommen also in einer der ältesten Städte Äthiopiens, deren Gründung durch arabische Einwanderer zurückgeht bis ins 10., manche sagen gar bis ins 7. Jahrhundert nach Christus. Obwohl die Harari etwas später von Menelik schließlich erobert wurden, halten sie eisern fest an ihrer eigenen Kultur und Lebensart.

Der war im übrigen sowas wie ein ostafrikanischer Bismarck, weil er es am Ende fertig brachte, das Land – mehr oder weniger in seiner heutigen Gestalt – mit viel freigeistiger Gewalt und Rücksichtslosigkeit vereinte.

Festhalten

Das geschah sogar etwa um die gleiche Zeit wie uns die Preußen, nämlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Von ihm stammt auch Äthiopiens wohl berühmtester Sohn ab: Kaiser Haile Selassie, bei dessen Namen ich aus irgendeinem Grund immer an Gelatine denken muss.

Nein. Eisen. Festhalten. Die Leute in Harar halten sich fest. An ihrem Vermächtnis.
Und das spürt man, mal zum Guten, mal zum Schlechten.

Klingen

Im einen Moment plaudere ich vergnügt mit einem Schneider in der Straße der klingenden Nähmaschinen, „Mekina Girgir“, im nächsten erleide ich einen Tobsuchtsanfall, weil mich irgendwelche Rotzbengel meilenweit verfolgen und sich hinter meinem Rücken ständig über mich lustig machen.

Ich war ja auch selber Schuld. Nachdem sie mich sogar beim Versuch, zwei Bananen zu kaufen, verbal und lautstark misshandelten, platzte mir schließlich der Kragen, und wutenbrannt scheuchte ich sie weg: „BACA!“ – Schluss jetzt!
Was sie natürlich nur noch mehr anspornte.

Spuk

Aber ich lerne schnell. Denn im Nachgang verhielt ich mich weit cleverer und weiser, indem ich sie ebenso beharrlich und gelangweilt ignorierte wie ein Faultier die Eiszeit.
Und siehe da, nach kaum zwei Minuten war der unliebsame Spuk vorbei wie Nebel im Morgenlicht.

Nirgends trat der Zwiespalt der äthiopischen Seele stärker zu Tage und mir entgegen als in Harar; zumindest bis zu dem Punkt meiner Reise. Es blieb demnach bei meinem ersten Eindruck: die Menschen in Äthiopien schmeckten mir mithin nur so halb.

Einheimische

Viele Einheimische waren unglaublich hilfsbereit, zuvorkommend und freundlich, aber mindestens genauso viele hätte ich am liebsten in die Tonne getreten. Sie erschienen mir geringschätzig, abfällig und respektlos, sie verhöhnten und machten sich lustig über mich: als reicher ferenji war ich es allein wert, über den Tisch gezogen zu werden.

Oh, so ging mir beileibe nicht nur in Äthiopien, aber in jenem Land schlug es mir eben sehr kompakt und geballt gegen meinen Frontallappen, und in eben diesem Detail liegt der meilenweite Unterschied zu den anderen beiden afrikanischen Ländern, die ich bis dahin bereiste: Sambia und Zimbabwe, wo ich soviel Spaß mit den Einheimischen hatte.

Geduld

Will man sich jedoch das ganze Bild anschauen, so darf man den Blick nicht nur nach außen wenden. Denn zum anderen fiel jene Reise in eine Zeit, wo ich in mir gleichfalls stabil, sicher, und weniger zweigeteilt war.

Mir kommt es so vor, dass, je mehr ich mich danach ausrichte, meinen Mitmenschen ein guter Mensch zu sein mit all den dazugehörigen Tugenden wie Offenheit, Toleranz, Empathie und so fort, desto weniger scheine ich in der Lage zu sein, solchen Zeitgenossen Geduld und Respekt entgegenzubringen, die diese Mindestanstrengung an „Menschlichkeit“ nicht unternehmen können oder wollen.

Kompensation

Die aus irgendwelchen kompensatorischen Gründen in ihrer Psychologie meinen, sie müssten andere, in dem Fall mich, dizzen, umeinander schubsen und generell aggressiv sein – damit sie sich selbst nicht spüren müssen.

Und genau an der Stelle schnappt die Falle aber zu!
Denn genau in dem Moment urteile ich höchstselbst über Andere und mache meine eben noch zurecht gelegt und adrett arrangierten Werte mit einem Schlag zunichte.

Blicke

Mit Verlaub, ich bin kein Telephat oder ein Remote Viewer etwa, um einmal in der Sprache unserer Zeit zu bleiben, dass ich mit letzter Sicherheit sagen könnte, was ihre Blicke und ihr Getuschel zu bedeuten hätten. Es könnte genauso gut verschüchterte Neugier, ihre eigene Unsicherheit oder simpel und schlicht ein unschuldiger Spaß gewesen sein, der vielleicht gar nicht auf meine Kosten zu gehen hatte.

Ja, weiß ich denn, was die in Wirklichkeit über mich tratschen in ihrer flotten und quasselstrippigen Sprache?
Und dennoch, ich erkenne einen bösen Blick, wenn ich ihn sehe. Ich weiß, dass ich meiner Intuition und meinem Bauchgefühl vertrauen kann, sogar um einiges mehr, als ich bislang angenommen hatte.

Verstecken

Doch gerade an dem Tag, wo ich mich mit der Schnauze gehörig voll im weitläufigen Zimmer meines „Cultural Guest House“ versteckte, weil mir die Leute in Harar allesamt auf meinen haarigen Sack gingen, schlug ich verdrossen und geleberlaust mein Buch auf und las dort, wie durch Zufall, ein Zitat vom Emerson:

„Nur das, was uns liegt, können wir auch in der Außenwelt wahrnehmen. Wenn wir keinen Göttern begegnen, so deshalb nicht, weil wir keine in uns tragen.“
(In: P. Yogananda, „Autobiographie eines Yogi“)

Firmament

Arsch. Oder vielmehr Autsch! Das hat gesessen. Aber Recht hatte der, gar keine Frage.
Je mehr Verurteilungen und Respektlosigkeiten, je mehr dunkle Gedanken und schmerzhafte Emotionen ich in mir herumtrage, umso mehr sehe ich sie in der Welt; als ob der Allmächtige in seiner-meiner-unserer entnervenden Weisheit einen Schwarzweiß-Filter über das Firmament gespannt hätte.

Und wer hätte gedacht, dass der Schöpfer in uns, Herrscher über Zeit und Raum und jenseits derselben sowie allenthalber Beschreibung, eine Ader für Nostalgie hat?

Rotzbengel

Spirituelle Hygiene

Morgenlicht

Nostalgie

Bedeuten

Altstadt

Innen

Oder außen?

Tradition

 

 

 

 

Kultur

Zwiespalt

Freundlich

Harsch

Bunt

Hinter Rücken

 

 

 

 

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Bitte umblättern: Inwieweit ist Tradition…

 

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