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Feb

In the Streets of Sucre – War Jesus ein Vampir?

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Raus aus Gewohnheiten…
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Ohne aufzustehen

So und anders verging die Zeit unmerklich und verschwamm quasi vor meinem Angesicht. Ich würde heute noch schwören, dass dort eigentlich gar keine Zeit existierte, wäre die Sonne nicht über uns und die Terrasse hinweg gezogen auf ihrem ewigen Marsch in die Dunkelheit.

Darüber hinaus tat mir der Kontakt mit Menschen, anderen Backpackern vor allen Dingen einfach herzensgut! Das war ich bis dahin gar nicht so gewohnt und das hatte mir ungewusst gefehlt, denn in Asien war ich oft über längere Strecken allein gewesen.

Erfüllung

Eine solche Art des Erlebens hatte natürlich seine eigene Qualität, aber das hier, diese Community war es, was ich mir seit meinen ersten tapferen Schritten mit einem Rucksack hinten drauf ersehnt und gewünscht hatte.

A propos, nach einigen Telefonaten und mit Mikes sprachlicher Unterstützung kam mein verlorenes Gepäck nach einigen Tagen tatsächlich an, so dass ich mich nun richtig und mit gutem Gewissen suhlen konnte. Was mit jenen hervorragenden Herrschaften im Hostel also gar kein Problem gestaltete.

Delegationen

Was die Länderverteilung anbelangt, befand ich mich mitten in einer Eulerschen Glocke aus wahrscheinlicher Normalität, denn diese begrenzte sich zumeist auf die üblichen Verdächtigen: da waren Leute aus den U.S.A. und Kanada für die Neue sowie Deutsche, Holländer und Engländer in Vertretung der Alten Welt.

Natürlich gab es auch den einen oder anderen Exoten. Zum Beispiel waren dort sage und schreibe zwei Österreicher zugegen, und das auch noch zur gleichen Zeit. Aber damit nicht genug, eine davon war sogar eine waschechte Wombatiña, die lustige und quirlige Ulli, die zu der Zeit ebenfalls ihre Schwingen ausgebreitet hatte.

Gut so

Der andere hieß Pascal und war Koch. Und das war gut so, denn er schwenkte, walkte unser kulinarisches Niveau von einer grundanständigen Basis, bestehend aus Bier, Chorizos und Burgern in ungekannte Höhen. Da galten gefüllte Paprika noch als eine Armenspeisung. Ein wacher Geist war das, dessen eisblaue Augen brannten mit dem Feuer der Jugend und Wissbegier und der wahnsinnigen Lust auf das Leben.

Armenspeise

Heute würde man das unter ADHS zu den Akten geben und demgemäß medikamentös sedieren. Stattdessen kiffte er viel lieber zum Ausgleich, und ob das jetzt besser, schlechter oder vielleicht sogar diagonal ist, das vermag ich nicht zu sagen, doch aus einem Instinkt heraus gesellte ich mich oft zu ihm. Er mochte es zu reden, und ich mag es zuzuhören. Das passte also.

Pascal schien mit seiner Funktion im Rincon zufrieden und schaffte es am Ende ohne Probleme auf die Ruhmessäule, da bin ich mir sicher.
Aber es gab auch noch andere. Georgia zum Beispiel war stets darum besorgt, dass wir auch genügend lachten, und rang heroisch und verzweifelt um einen etwaigen philosophischen Mindestgehalt
innerhalb unserer Terrassendiskurse.

Andere Dinge

Sie hatte ich sofort ins Herz geschlossen, und auch an ihrem Tisch fand ich mich nicht selten wieder.
Da waren Nathan, Bas, Inje, und Bob, mit denen ich später noch andere Dinge erleben sollte und vielerlei Namen und Gesichter, die mir anhand den Schwaden unseres Zigarettenqualms in die ungreifbaren Stunden der Nacht entschlüpften.

Wir gingen schon auch mal aus, so war es nicht. Es gab zum Beispiel „Florín“ oder das „Mitos“, eine gemütliche Butze mit eigenem Innenhof und unsere liebste Tanzbar, wenn wir einmal auf Abenteuer drangen.

Leibhaftig raven

Dann tanzten wir ausgelassen und mit wehenden Haaren, die staunenden Locals wollten sofort ein Selfie mit mir machen, weil sie dachten, sie hätten einen leibhaftigen, ravenden Jesus vor der Mütze. Natürlich schwankten jedermanns Augen knotentief in endemischem Bier, von daher war das nicht weiter verwunderlich.

Im Gegenteil, ich freute mich mit ihnen und klatschte grinsend ab. Das Tolle an den Bars und Clubs in Sucre war, dass dort nicht nur Weiße, Prostituierte und Drogendealer abhingen, sondern es herrschte dort stets ein angenehmer Mix aus Reisenden und Einheimischen.

Oder wir kenterten gruppenmäßig in eine Kneipe, um uns den vielgerühmten Dokumentarfilm „Devil’s Miner“ anzusehen, der innerhalb der aufgeklärten bolivianischen Backpacker-Szene praktisch eine Legende war.

Angenehmer Mix

Tatsächlich war der Streifen überaus real, hart und tragisch, da dort ausgezehrte Bergarbeiter in den Kupferminen von Potosí gezeigt wurden mit leeren Blicken, da sie mit 35 bis 40 Jahren sowieso an Silikosis und/oder an absoluter Sinnlosigkeit starben. Kinder mussten arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen, weil die Väter schon tot oder von der Flasche besiegt worden waren.

Ich waren geschockt, betroffen und morbide davon fasziniert, was es auf dieser Welt alles geben durfte, und gleichzeitig fühlte ich mich gut, dass ich mich so schlecht fühlte. Immerhin wurde für uns ein Licht auf jene düsteren Vorgänge geworfen, und wo Licht hinfällt, da kann etwas in Bewegung geraten, und darum geht es ja schließlich.

Einmal, das weiß ich noch, da ging ich mit Ulli in die Stadt und auf einen Markt, um Souvenirs und Gemüse fürs Abendessen zu kaufen.
Also, das war was! Ich war draußen auf der
Straße, bei splitterhellem Tageslicht!! Ich kam mir vor wie ein verängstigter Vampir kurz vor der Aschewerdung. Aber das ist nicht passiert, wir schafften es heil und wohlbehalten ins Hostel zurück. Gerade so.

In die Stadt

Auf den Markt

Gemüse

Splitterhell

Wo Licht hinfällt

Diagonal

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