10

Sep

Katharsis baiuwarensis: Über den Abbau von Gottespartikeln

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Zwischen und vor…
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In diesem Beitrag sind nur vereinzelt Bilder vorhanden und es werden keine Namen genannt aus Respekt vor der Privatsphäre eines jeden Piraten und Zauberers, einer jeden Hexe und Priesterin, die am Camp teilnahmen. Bilder sind zwar einfacher und oft treffender als Worte, doch an dieser Stelle reichen selbst diese bei weitem nicht aus, das Erlebte auch nur annähernd zu beschreiben.
(Anm. des Sammlers)
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Jetzt aber los! Ich wollte singen, tanzen und zerspringen und es Allen sagen, denn ich lief ÜBER vor Liebe und grundlosem Frohsinn. Eigentlich wollte ich alle meine Freunde und Verwandten anrufen und ihnen geradewegs ins Ohr schreien, was mir soeben widerfahren war und wie sehr ich sie, grundlos, liebte!

Wirklich, das ist jetzt echt nicht übertrieben. Ihr habt ja nur Glück gehabt, dass ich in dem Augenblick mein Handy nicht parat hatte. Und sowieso war ich zu der Zeit, die im übrigen ein paar Stunden andauerte, komplett untauglich für jeglichen zwischenmenschlichen Kontakt oder generell auch nur zu funktionieren auf der Welt.

Auf der Welt

Dazu braucht es wohl ein wenig Übung. Aber es stimmt, ich wollte bestimmt vier oder fünf Mal zurück ins Camp und sämtlichen Teilnehmern um den Hals fallen, sie abbusseln und mit meiner Zunneigung zerquetschen, aber… es ging nicht.

Ich war dazu einfach – nicht – imstande. Ein ums andere Mal musste ich wieder umdrehen und zurück auf die Wiese torkeln und weiter heulen wie ein verliebter Werwolf bei Vollmond.

Als ich endlich, ganz und gar erschöpft, ausgewrungen und verbraucht in Richtung Küchenecke wankte, war es in der Zwischenzeit dunkel geworden und das Abendessen stand bereit. Um es Euch nochmals ins Gedächtnis zu rufen: es kann kaum später als vier oder fünf gewesen sein an einem sonnigen Augusttag, als wir mit der Meditation begonnen hatten.

Hart, ne? Aber ich wurde auch sofort wieder in den Senkel gestellt. Als ich einem ehrwürdigen Mitglied unseres Ältestenrates, und dazu ein gestandener Bayer, davon berichtete, meinte der nur: „Jaja, des hob’ i vor a boa’ Joahr aa scho ghabt. – Schee, gei?“

Überbrückt

Echt jetzt?? Ich war soeben mit dem Universum verschmolzen, hatte Raum und Zeit überbrückt und die letzte Grenze menschlicher Existenz durchbrochen wie Iron Man die Schallmauer, und dieser unsensible Krüppl watscht des ab, als ob ich ihm von meinem ersten ungelenken Gspusi erzählt hätt’! – Gei!

Nichts für ungut. Ich habe ihn wirklich herzlich gern und entschuldige mich tausendfältig für diese meine Entgleisung. Die jedoch durchaus beabsichtigt war, nämlich, um mein haltloses und verstiegenes Gesülze wieder einigermaßen auf die Boden der gehaltlosen Tatsachen zurück zu holen; und da kam der mir grade recht.

Ich bin mir fast sicher, dass das Wort „Krüppl“ bis jetzt noch niemals mit einer derart warmherzigen und anschmiegsamen Intention verwendet worden ist… In meinem Kopf sieht das viel eher aus wie ein kleiner, kameradschaftlicher Stupser in die Rippen mit den Ellbogen.

Aber das war nur eine geringfügige und unbedeutende Unterbrechung meiner Verzückung, denn auf besagter Welle schwamm, floss, schwebte ich durch den Rest des Abends, aß und trank Kakao während der abschließenden Zeremonie. Ich feierte und lachte und hörte zu, bis mich die Gongs ein letztes Mal einholten.

Lachen

Die Sonne lachte, als ich morgens erwachte und langsam in Richtung Küchenecke amöbte, wo sich nach und nach ein Grüppchen zum angenehmen und entspannten Ratsch versammelte, jedem so, wie es ihm gerade einfiel. Zum Frühstück und einem sehnlichst erwarteten Kaffee erzählten wir uns geschmeidige Anekdoten und denkwürdige Begebenheiten aus unseren Leben.

Das alles ging ganz wie von allein, wie das oft so geschieht nach einer ordentlichen Party. Wir hörten einander leise lächelnd zu, während die Geschichten gemächlich von einem Seelenkrieger zum nächsten schwappten; eine wunderbare Regenbogenbrücke zurück in ein „normales“ Leben und das perfekte Gegenmittel zu den tief schürfenden Prozessen der vergangenen Tage.

Während des Abschlussrituals wurde es aber noch einmal ergreifend und tränenreich, als es zu einer Konfliktsituation kam, die ich im Detail gar nicht näher beschreiben möchte. Ich meine, das würde zu weit führen.

Mama Matsch

Was ich aber bemerkenswert und zudem wunderschön fand, war die bewundernswerte Art und Weise, wie beide Seiten trotz allem rücksichtsvoll, vorsichtig, und mit gehörigem Respekt miteinander umgingen.

Wenn die Menschheit es irgendwann lernt, Probleme eben so zu bearbeiten und zu lösen, dann sind wir vielleicht nicht mehr gar so weit entfernt von einer friedlicheren, und erwachseneren Welt. Also ziehe ich meinen Hut und verneige mich vor diesen großen Geistern.

Instrumentenspiel und tönender Gesang begleiteten das Ende des Rituals wie auch des Camps im allgemeinen, während wir nacheinander unsere symbolischen Opfergaben in die Altarnische brachten und uns bei Mama Matsch bedankten. Im Anschluss machten wir uns an den Abbau, und sodann ging ein jeder Mensch wieder seiner eigenen Wege und trug ein Licht in die erwartungsvolle Welt.

Keine Panik.
Wir kriegen das hin.

Licht

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