7

Okt

Liberté, Egalité,… und andere Gottlosigkeiten

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Lästige Integrationsprobleme…
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Gemeinschaft

Und siehe! Zu guter Letzt fand er tatsächlich ein paar verlorene Seelen, die ihn gut und schön fanden, und so gründete er mit ihnen zusammen in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts unseres Herrn die erste – und meines Wissens nach noch immer einzige – alternative Lebensgemeinschaft Äthiopiens.

Diese vereinigte sich mithin unter dem Banner gemeinsamer Werte und Anschauungen, frei von Dogmen und jedweden religiösen oder ideellen Scheiterhaufen, und sie berufen sich noch heute auf folgende Stützpfeiler:

Arbeitsprozess

– Gleichberechtigung und gleiche Rechte für alle Menschen,
– keine Geschlechtertrennung oder Rollenverteilung, sei es im häuslichen Alltag oder im Arbeitsprozess,
– ein Jeder schuftet aus freien Stücken zum Wohle der Gemeinschaft,

– freie Bildung für Kinder und Jedermann,
– dafür keine Drogen und kein Exzess irgendeiner Art,
– altersgerechtes Wohnen und,

Altenheim

– der Einfachheit und Praktikabilität halber warte an ihrem jeweiligen weltlichen Ende auf alle Mitglieder nur ein gemeinsamer Gott, von dem im übrigen Prinzip alle Religionen bereits sprachen und sich dabei, gewollt oder ungewollt, in ihren Grundaussagen vereinten, ohne dass es in dreitausend Jahren jemand bemerkt hätte.

Und das ist nur ein kurzer Abriss aus ihrem Manifest.
Naturgemäß wurden sie von ihrer Umgebung für diese bodenlose und unsägliche Frechheit gehasst, verfolgt, verschrien und mit dem Tode bedroht.

Heimat

Allen voran unsere wackeren Derg-Kommunisten!
Jaaa, denen schmeckten solche Unflätigkeiten ja nun gar nicht, und sie waren ihnen ein giftiger Dorn im Auge trotz ihrer großzügigen Scheuklappen, denn da wurde doch frech und frivol von einem G-O-T-T geredet, der an und für sich niemals etwas Gutes im Schilde führen konnte und sowieso überhaupt gar nicht existierte und weil, weil, weil, WEIL!

Wahrscheinlich weil es am Ende nicht ihre eigene Idee gewesen war.
So flohen unsere abessinischen Israeliten in den Süden des Landes und lebten fortan ein unstetes und plagenreiches Leben, bis sich der politische Sturmwind wieder legte, und kehrten nach all den Fährnissen unverdrossen und ungebrochen wieder zurück in ihre alte Heimat.

Weberei

Natürlich war all ihr Land in der Zwischenzeit beschlagnahmt und kurzerhand neu verteilt worden. Die neue Regierung sah sich zwar nicht gezwungen, sie gleich vom Fleck weg umzubringen, aber so richtig koscher waren ihr diese afrikanischen Hippies wiederum auch nicht.

Immerhin bekamen sie doch noch ein kleines Stück Brachland, das allerdings für die Ernährung der nunmehr 500 Mitglieder und 140 Haushalte nie und nimmer ausreicht. Stattdessen besteht ihre Haupteinnahmequelle noch heute in der Weberei, deren Produkte sie auf Märkten in der Umgebung verkaufen.
Ich frage mich ja, ob Zumra das nicht von Gandhis Spinnrädern in Indien abgekuckt hat.

Instinkt

Also, nach all den biblischen Proben und Abenteuern existiert Awra Amba noch immer, und ihr impertinenter und unüberwindlicher Godfather Zumra stand an jenem beschaulichen Tage also leibhaftig vor mir.

Seine leuchtenden Augen strahlten Liebenswürdigkeit, Güte und eine ordentliche Portion Demut aus, doch war seine ganze Erscheinung von einer solchen Kraft und Intensität, dass ich mich instinktiv ducken und irgendwo verkriechen wollte.

Führung

Ich musste mich gehörig zusammenreißen, um seinem unbeugsamen und zugleich unendlich zärtlichen Blick standzuhalten und dabei im lohenden Feuer des Augenblicks nicht zu verbrennen.

Ich fragte ihn, wie er in so jungen Jahren auf derart fortschrittliche und für jene Zeit eher ungewöhnliche Ansichten verfiel: ob ihm das etwa jemand eingegeben hätte oder so. Aber er antwortete nur, dass dieses sein Wesen einfach in ihm drin war und dass Gott ihn stets geleitet und gestützt hatte, egal in welch auswegloser Situation er sich auch immer befand.

Einzigartig

All das berichtete mir im übrigen sein Übersetzer und mein Tour Guide, der mich anschließend durch das Dorf mit seinen kleinen, feinen und recht einzigartigen Einrichtungen führte.

Etwas zurückhaltend und mit einem peinlich berührten Lächeln gestand er mir währenddessen, dass er überdies der älteste Sohn von Zumra sei und Hayalsew hieß, was in etwa „starke Persönlichkeit“ oder „großer, großartiger Mensch“ bedeute.

Rathaus

„Great person“ lässt sich wirklich schwer wirklich treffend übersetzen… „Astreiner Typ“? Hm, schon, aber das klingt halt so halbstark und erinnert mich an Schlaghosen und getönte Sonnenbrillen vom Ausmaß einer Eiscremefabrik.
…Übrigens liebe ich Schlaghosen, wer das noch nicht weiß.

Aaanyway, die Burschen und Mädels von Awra Amba ließen ihren hehren Idealen in der Tat Taten folgen: Das Leben dort ist selbstverwaltet und wird durch einzelne Komitees mit ihren jeweiligen Ressorts organisiert, deren Mitglieder regelmäßig wechseln, so dass turnusmäßig jedes einzelne Community-Mitglied an ihren Entscheidungsprozessen beteiligt wird. Mitgehangen, mitgefangen.

Bildung

Vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe werden die Kids fleißig erzogen, auch diejenigen aus der näheren Umgebung, so sie denn möchten, auch wenn sie nicht zur Community gehören, so dass sie von dort quasi direkt auf die Uni wechseln können.

Nach getanem Tagwerk bieten sie auch Erwachsenenbildung an, mit der Konsequenz, dass die meisten Menschen in Awra Amba lesen und schreiben können.
Zahlreiche erfolgreiche Uni-Absolventen zieren mittlerweile eine gerahmte Collage im kleinen Museum des Ortes.

Tourismus

Daneben hängt ein großes, stolzes Gruppenbild am Tag der Zeremonie, da dieses großartige Projekt endlich international anerkannt und Zumra von einer überkonfessionellen Organisation eine Medaille verliehen wurde.

Ja, in der Zwischenzeit steht die Community sogar ziemlich im Rampenlicht, wenn ich mir die Tour-Busse anschaue, die dort regelmäßig auf ihren Routen zwischen Addis, Gondar und Lalibela Halt machen. Aus diesem Grunde wage ich zu behaupten, dass nun auch einiges aus Spendengeldern und den aufstrebenden Tourismus erwirtschaftet wird, da fehlt mir allerdings die Bestätigung von offizieller Seite.

In Wirklichkeit habe ich gar nicht nachgefragt, weil es mir ziemlich egal ist; Hauptsache, dieser friedliche und so wichtige Ort auf unserem kleinen, gebeutelten Planeten bleibt bestehen. Und da helfe ich doch gerne mit. Falls Ihr auch ein paar Kohlen über habt, dann könnt Ihr die gerne und guten Gewissens nach Awra Amba schubsen:
Commercial Bank of Ethiopia, Woreta Branch, Account: 1000027833307, Swift/BIC: CBETETAA.
Merci vielmals!

Bestehen

Brachland

 

 

 

 

 

 

Spinner

Mitgehangen

Collage

 

 

 

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Bitte umblättern: Vergeistigung ist gleich…

 

 

 

 

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