25

Sep

Money yelem: Überlebensmaßnahmen in Äthiopien

„No Money?“ Hm, schwierig.
Um es rundheraus zu sagen: Am besten, man kennt jemanden in Äthiopien oder nimmt sich einen Guide. Aus meinem Munde mag das sonderbar klingen, denn ich ziehe es stets gerne vor, Orte auf eigene Faust zu erkunden und mir nur im absoluten Notfall einen mehr oder wenigen Fachmann zu leisten.

Aber in diesem speziellen Fall kann ich es von Herzen nur empfehlen, aus einem ganz bestimmten Grund. Denn Locals, sei es nun eine Privatpersonen oder eben ein Fremdenführer, fungieren sozusagen als Schutzschild und bieten einen sicheren Kokon, in dessen Radius man nicht oder zumindest weniger belästigt wird.

Ja, das individuelle Reisen in Äthiopien kann durchaus anstrengend sein.
Nehmen wir das Paradebeispiel Lalibela. Ich verbrachte fünf Tage dort, und den letzten auch nur, da ich morgens zu spät zum Bus anlangte.
Ich wollte nur noch weg. Weit, weit weg.

Oh, die fantastischen Kirchen sind faszinierend und lohnen immer einen Besuch, aber da geht es schon mal los. Ein Ticket kostete damals schlappe fünfzig Dollar, was eine aufrechte Frechheit darstellt. Noch nie musste ich einen derart horrenden Eintrittspreis bezahlen, für keine UNESCO-Weltkulturscherbe der Welt.

Gut, das Ticket galt immerhin für fünf Tage, und wenn man es auf diese herunter rechnet, dann ist das schon in Ordnung. Aber in Wirklichkeit haben die meisten Leute gar nicht soviel Zeit oder wollen soviel Zeit dort verbringen. Das bedeutet, am Ende bleibt es bei der Frechheit, denn es gibt kein Tagesticket für erschwinglicheres Geld, nur das eine oder keine.

Allein die Klöster und Kirchen in der Umgebung von Lalibela kosten eine jede um die zehn Euro, manche davon sicherlich ebenfalls bezaubernd und interessant, aber trotzdem, das spottet doch jeder Beschreibung. Von Berichten anderer Reisenden habe ich zum Beispiel erfahren, dass die Maryam-Kirche auf dem Abune-Yosef-Berg nicht wirklich spannend oder besonders sei, und trotzdem wurde man dort ordentlich zur Kasse gebeten.

In diesem Falle rate ich Euch dringendst, holt Euch die maps.me-App und geht entlang der dort aufgezeichneten Pfade um das dräuende Ticket-Office und die Kirche herum und besteigt den Berg auf eigene Faust, denn die Landschaft dort ist wirklich hinreißend schön!
Und nein, ein Guide ist dahingehend nicht unbedingt notwendig, wenn man denn einigermaßen bergerfahren ist.

Aber selbst dort oben in der Ruhe und dem Frieden der Natur konnte ich keine fünf Schritte tun, ohne von Kindern oder auch Erwachsenen um Geld, Süßigkeiten, Pens oder Bücher angegangen zu werden.
Himmel, die Leute sind arm und das verstehe ich, nur zu gut.

Mehrere Male lehnte freundlich und höflich ab, ab dann war ich nur noch gestresst und irritiert und meine darauf folgenden Antworten folgerichtig weniger nett. Auch besaß ich nach zweieinhalb Monaten in jenem Land nicht mehr die Geduld oder die Weisheit, sie einfach zu ignorieren, was immer die beste Methode ist, um möglichst schnell seine Ruhe zu haben.

Ohne jedoch ausfallend zu werden, erntete ich als Dank für meine Verzweiflung, ich habe nicht mitgezählt, aber bestimmt fünf Minuten lang ein „Fuck You!“-Konzert von einigen missratenen Gören. Was einem schon mal den Tag versauen kann, wenn man eh schon angeschlagen ist.

Im Ort selbst waren es vor allem die Guides und Agency-Hanseln, die mir auf den Sack gingen. Die Fremdenführer in und um die Kirchen waren allerdings höflich und verlangten sogar einen anständigen Preis, wobei ich sagen muss, dass zu dem Zeitpunkt eben Nebensaison herrschte.

Dann gab es eher zwielichtige Typen, sogenannte „Broker“, die einem Transfers in verschiedene Städte feilboten in hübsch komfortablen 4WDs und Tour-Bussen. Eine Fahrt nach Axum beispielsweise wurde da für 35 Dollar angepriesen.

Generell können solche „Angebote“ je nach Saison, Sympathie oder Gemütszustand des Verkäufers gerne einmal variieren, das Preiskorsett in Äthiopien erscheint in diesem Zusammenhang so straff und eindeutig wie frisch gekochte Brombeermarmelade.

Nun, wenn man auf das hehre Budget nicht so sehr achten muss und einem der Preis tatsächlich taugt, kann man sich das durchaus überlegen, denn die Fahrt dorthin mit den Öffentlichen oder in Minibussen ist lang und beschwerlich. Andererseits ist sie auch nicht unmöglich; da hatte ich es schon bedeutend schlimmer.

Wenn man aber lange und mit einem kleinen Geldbeutel unterwegs ist, lohnt sich die günstigere Variante definitiv, denn man braucht nicht arg viel mehr Zeit; im schlimmsten und entspanntesten der Fälle an die zwei Tage, im besten verliert man höchstens ein paar Stunden.
Ich schaffte die Odyssee in eben zwei Tagen und zahlte gerade mal 15 Dollar, dafür ohne Allrad.

Und traut diesen Burschen ja nicht, wenn sie Euch sagen, dass ihr mehr als doppelt so hoher Preis eigentlich genauso viel kostet wie der Public Transport! Wie Ihr seht, ist das eine gewaschene und stramme Lüge.

Das mag erfahrende Reisende kaum verwundern, und in der Tat hatte ich auch nichts anderes erwartet, denn nach einiger Zeit auf den Straßen dieser einzigartigen Bergwelt wusste ich ungefähr, wie viel Geld man für eine Stunde Fahrtzeit einberechnen muss (grob, etwa einen Euro, vielleicht 1,50; manchmal zahlt man, maximal!, 50 Birr Aufschlag für Gepäck).

Wie gesagt, waren mir die Typen von Beginn nicht sonderlich koscher, obwohl sie sehr erfahren und charmant im Umgang mit Touristen waren, das muss ich schon zugeben, und ich wollte einfach sehen, wie sich dieser ganze Vorgang entfaltet.

Alles in allem lässt sich meine Erfahrung in Lalibela ganz knapp so zusammenfassen:
„Willst Du uns all Dein Geld geben? – Nein? Dann verpiss Dich!“
So erging es mir nicht nur dort, aber in dem Kaff wurde es eklatant und lächerlich geradezu.

Wenn der geschniegelte Ferenji-Tourist seine angedachte und vorherbestimmte Funktion als wandelnder, Gold scheißender Esel nicht erfüllt, dann wird er gerne einmal wie Dreck behandelt. Das ist mit Sicherheit keine Besonderheit, auch das kenne ich von anderen Reisen, aber niemals zuvor wurde ich so extrem und derart respektlos und ekelhaft behandelt wie in Lalibela.

Das bestätigten mir im übrigen auch andere Einzelreisende. Andersherum erzählten da Menschen, die in einheimischer Begleitung unterwegs waren, eine ganz andere Geschichte. Locals scheinen in der Tat der Schlüssel zur wahren und durchaus großherzigen Seele ihrer Landsleute zu sein und können einem die Erfahrung mitunter um 180° drehen.

In dem Zusammenhang kann ich nur wärmstens das gute, alte Couchsurfing empfehlen, denn dann spart man sich zudem die Kosten für einen teuren Guide. In dem Fall kann man sich ja auf andere Weise revanchieren.
Aber scheiße, man kann in Äthiopien nicht einmal aufs Klo gehen ohne Eintritt zu zahlen oder sich dumm anmachen zu lassen!

Das alles gesagt und hingerotzt, muss ich, um wenigstens den Hauch einer Objektivität zu wahren, auch gestehen, dass ich viele, viele überaus hilfsbereite und tolle Menschen dort kennenlernen durfte, gar keine Frage! Und selbstverständlich sind die meisten Orte lange nicht so schlimm wie Lalibela – aber diese Haltung gegenüber Touristen schwelt halt immer irgendwo unter der Oberfläche.

Es gilt wie immer die goldene Regel, derart gelagerte Spaßetteln mit Gleichmut und einer gehörigen Portion Humor zu tragen, dann ist das alles halb so schlimm. Die Art der Einheimischen, allen voran meine lieben und teuren Busbegleiter, hatten mich zudem auf dem falschen Fuß erwischt. Auf die Dauer kam ich damit einfach nicht klar, ihr Verhalten war mir oft zuwider und unnötig.

Wiederum, wer bin ich, der ich von Nöten zu sprechen vermag. Innere, ja, aber mit materiellen Sorgen kenne ich mich weiß Gott sei Dank zu wenig aus.

Auch war mir oft mein Ego im Weg.
Also, das lasst Ihr bitteschön zu Hause. Man kann auf Konfrontation gehen, aber es bringt mit Sicherheit keine Freude, und darüber hinaus meistens auch nicht das gewünschte Ergebnis. Auf der anderen Seite will man sich auch nicht ständig verarschen lassen. Irgendwo dazwischen liegt wie immer der gescheiteste Weg, steinig vielleicht und uneben, aber man findet ihn schon.

Also bitte, lasst Euch davon um Gottes willen nicht abhalten, dieses großartige Land zu bereisen, denn trotz alledem ist es eines der faszinierendsten und spannendsten und, oh Gott, wunderschönsten Länder, die ich jemals sehen durfte.

Es ist halt, wie es ist: alles hat seinen Preis im alten Abessinien.
Und wie seine Landschaften scheinen die Leute dort einfach extremer zu sein und in alle Richtungen mehr auszuschlagen als anderswo, zum Guten wie zum Schlechten.

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