18

Mai

Sinnesfreuden & Gemütstrauer: Nikotinarer Winter

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Weichen im Bauch…
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Gemütlich

Tags darauf lud er mich in einem etwas teureren (15 Iurro), aber mit allem notwendigen Luxus versehenen Hotel ab, und ich verbrachte die darauf folgende Zeit damit, nach Wandermöglichkeiten Ausschau zu halten, das Einzug haltende, eklig kalte Schmuddelwetter abzuwarten und zwischen einem herrlich entspannten Café und ebensolchem Restaurant hin- und herzupendeln.
Beide befanden sich um die Ecke in der größten innerstädtischen Karawanserei Irans.

Nun, Superlative kann man überall finden, solang man nur engmaschig genug fädelt, doch es war einmal mehr ein Genuss, durch die 600 Jahre alten Gemäuer aus verziegelsteinten, warm beleuchteten Arkaden, welche teilweise mit dicken Querbalken aus dunklem Holz versehen waren, und ihre schönen Innenhöfe zu wandeln und den Geruch der Zeiten zu atmen.

Katakomben

Schade war nur, das nun überall die letzten Vorbereitungen für die große Feier begannen und immer mehr Aluminiumgestelle sowie kitschiger Plastikschmuck die Sicht verdarben.

Das große Areal direkt neben dem eigentlichen Bazaar war zu jenem Zeitpunkt Heimstatt für Nobel-Popel-Läden und hipstrige Kunstgalerien (so etwas wie die Maximilianstraße in München) aber mit der Zeit lernt man ja, manche Dinge auf Knopfdruck auszublenden.

Das war’s, ansonsten bewegte ich mich nicht von der Stelle. Dazu waren auch dort die Straßen viel zu voll und stressbeladen.
Sehenswürdigkeiten?

Maxi irani

Mit meinem Angst und Schrecken verbreitenden Kriegshammer zerhieb ich dieses abscheuliche Wort mit einem götterdämmernden Hieb, der leichthin ein neues Zeitalter hätte einläuten können, in seine atomaren Bestandteile.
(Habt Ihr was gemerkt? Irgendein Ausschlag auf der Richter-Skala? Würd‘ mich nur mal interessieren.)

Die Asche seiner Bestandteile schloss ich in einen ehernen Kanister mit sieben Siegeln, verbarg diesen in einer Lade, welche von Zwergen aus einer mit Zaubergewirk gehärteten Titanium-Diamant-Legierung gefertigt wurde, und schoss das sündhaft teure Ding mit Hilfe von tausendundeiner Feuerwerksraketen ins unendlich weite All, Kurs auf das nächste Schwarze Loch in unserer Galaxie.

Träumen

Soll sich Chewbacca daran die Zähne ausbeißen.
Nein, dazu war das Negarossaltaneh, welches mir Hatam empfohlen hatte, viel zu gemütlich. Es verströmte eine ganz besondere Atmosphäre, ausgehend von seinem überaus aufmerksamen und spendierfreudigen Besitzer Erhad, der mich nicht nur einmal auf einen Cappucchino mit Mustern im Schaum einlud.

Seine Gedanken schmelzende Playlist aus den unterschiedlichsten Interpreten lud zum Träumen ein. Immer wieder hörte ich andere Gäste leise mitsingen, während mich die gefühlvollen Melodien in andere Welten trugen und ich in ihrem sanft rieselnden Strom angenehm schwelgte und wehmütig verliebt ins Leere blickte…

Seele

In solchen Momenten war ich mir absolut sicher, dass die großartige, alte Seele dieses inspirierten Volkes zu allen Zeiten überdauern und kein Invasor, kein Regime oder religiöser Führer je imstande sein wird, sie vollends zu zerrütten.
Denn „je stärker ihr Zugriff wird, desto eher schlüpft sie ihnen durch die Finger.“
(frei nach Leia Organa, geheimes Mitglied der Rebellion)

Leer

Dort gab es einen Käse-Nutella-Kuchen! Oooohohohoho…
Meine Geschmacksnerven tanzten mit meiner Bauchspeicheldrüse Hochzeitswalzer in einem verwunschenen Wald, der, angefüllt mit einem berauschenden und schwer wabernden Dunst, mir den Atem schläfrig zäh werden ließ und süß die Sinne vernebelte.

Habt Ihr schon mal mit Speck ummantelte Datteln gegessen? Der Kuchen dort fällt locker in die gleiche Kategorie. Unbedingt merken.
Hat man sich da einmal rein gesetzt, will man also überhaupt gar nicht mehr weg.

Doch trotz dieser betörenden Sinnesfreuden hat es mich in den drei Tagen meines Aufenthaltes in Qazvin noch einmal gründlich zerlegt. Ohne Vorwarnung oder Ankündigung fiel ich unversehens in mein eigenes Schwarzes Loch aus glotzender Gefühlskälte und ozeanischer Leere. Sämtliche Lust, jegliche Freude und all die schönen Gedanken waren mit einem mächtigen Tusch von jetzt auf gleich wie weggefegt.

Freiflug

Ich weiß bis heute nicht, was das für ein neuerlicher Anfall war; vielleicht Nachwehen meiner letzten durchstandenen Krise. Allerdings fühlte es sich dieses Mal nicht so an, als ob da irgendetwas rumort oder werkelt, es war einfach nur ein unvermittelter, scheinbar sinnentleerter Freiflug in rabenschwarze Finsternis.

Vielleicht einfach nur Ausdruck einer noch immer schwelenden, in einer von Schattenwerk erfüllten Ecke meines Bewusstseins stets lauernden Erschöpfung, die auch nur bei der kleinsten Unachtsamkeit hervorsprang und mich unter ihrem samt-bleiernen Mantel zu ersticken drohte.

Blase

Oder ich bin einfach nur phlegmatisch, was weiß ich.
Allein wenn ich im Negaro saß, besserte sich meine Laune schlagartig und zerfiel just zu Staub, sobald ich auch nur einen Schritt nach draußen in die richtige Welt trat.
Kein Scheiß, das war interessant.

Erhad schien dies instinktiv zu spüren und schob dann wortlos und unauffällig eine Tasse heißes Wasser zum Händewärmen sowie einen Chai und Kekse auf’s Haus unter meine Nase. Was für ein liebevoll feinsinniger und aufmerksamer Bursche.

Trostlos

Aber, zu allem Überfluss verlor ich auch noch mein eben erst angebrochenes, ALLERletztes Packerl Blättchen, ein nikotinmangelinduzierter Supergau Stufe 8.
„So ein- Kreizdeifi! Des war’s. Is’ doch ois GSCHISSN nachherd!!“

Das Wetter zumindest wurde, wenn schon nicht signifikant wärmer, so doch zusehends sonniger, und meine Wandersohlen juckten gar heftig.
Eine kleine Depriphase hie und da schön und gut, aber es gibt einfach Dinge im Leben, die wichtiger sind.

Innenhof

Karawansen

Wichtiger

Arkaden

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Bitte umblättern: Gestrandet in…

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