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Mrz

Begossene Pudel und trockene Piloten – Von Annahmen

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Unsichtbar webt…
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I presume

Am ersten schönen Sonnentag pilgerten wir zu „Mosi-Ou-Tunya“. Das ist einheimisch und bedeutet soviel wie: „the smoke that thunders“. Der Nagel auf dem Kopf.
Ja. Es war endlich soweit. Wir stellten uns den berühmten „Victoria Falls“. Jedoch mussten wir uns zuvor noch die ausdrückliche Erlaubnis eines gewissen Doktoren, Livingstone nehme ich an, einholen.

Außerdem benötigten wir einen sogenannten „Gate Pass“, denn die Wasserfälle sitzen praktisch auf der Grenze zwischen Zimbabwe und Sambia, deren Regierungen sich das Touristenspektakel mehr oder weniger teilen. Es gehört somit zu seinem besonderen Charme, dass man sich während eines Besuchs über weite Strecken im Niemandsland zwischen zwei Staaten aufhält.

Freibeute

Ich weiß nicht wieso, aber ich finde das irgendwie aufregend und… mysteriös. Diese seltenen Landstriche singen ein sonderbares Lied von der Freiheit, da sie von menschlicher Besitzgier und deren Kontrollwahn zwar hart bedrängt, durch eine Laune des Schicksals jedoch davor bewahrt bleiben. Irgendwie. Und dann auch wieder nicht. 

Mein Herz setzte jedoch einen Schlag aus, als ich just innerhalb dieser geographischen Freibeute etwas erblickte, das mich mit einem urwüchsigen Gefühl der Verbundenheit erfüllte und mich strahlen ließ. Es war… eine Rikscha!
Na, was für eine Überraschung! Ich hab’ mich so gefreut, dass ich darüber fast unsere eigentliche Mission vergessen hätte.

Weg

Einsam und allein bahnte sie sich ihren Weg von einem politischen Ufer zum anderen und geleitete Seelen auf die andere Seite wie ehedem der „Flying Dutchman“, ungebunden, ungezügelt und frei von allen Schicksalen; wobei ich mir gut denken kann, dass Davy Jones erhebliche Einwände gegen meine allzu euphorische Sichtweise tätigen würde.

In der Tat verzichte ich an dieser Stelle erneut auf den offensichtlichen Rassisten-Joke, denn das Beispiel der „Black Pearl“ läge wiederum so verdrießlich nahe, dass es schal und geschmacklos erscheint und darüber hinaus nicht mehr als ein gelangweiltes Gähnen provozieren kann.

Auf der Lauer

Trotzdem schwingt für mich bei diesem ganzen Komplex aus wirren Gedanken und Assoziationen eine Bedeutsamkeit mit, die frei ist von all diesen Urteilen und mich an etwas zu erinnern scheint. Das muss nichtssagend und vage klingen, und doch…
A
ber besser kann ich es einfach nicht beschreiben.

Denn sind wir das nicht alle, die einen so ehrwürdigen und doch kaum beachteten Beruf ausüben: Piraten der Straße, ständig auf der Lauer nach unvorsichtigen Touristen, um ihnen ihre Schätze zu entrauben und sie um ihr Gold zu bringen. Was wir erbeuten, das behalten wir, und wer zurück bleibt, der wird zurück gelassen! Harrrr…

Schlimme Schurken

Oder so. Demgemäß blieb mir quasi nichts anderes übrig, als das gute Stück zu kapern. Ihr vorheriger Kapitän hatte das auch gleich eingesehen und trat stattdessen als erster Maat meiner neuen Crew bei. Was blieb ihm sonst freilich schon übrig, hätte ich ihn doch ohne zu Zögern über die Planke gehen lassen und die Victoria Falls hinunter geschmissen.

Schlimme Schurken sind wir, keine Frage. A propos:
Noch im Ort konnte man das unablässige Donnern der einhundert Meter tiefen Wasserfälle hören, während eine sich auftürmende Wolke aus wütender Gischt den Himmel über der Stadt unablässig zu verschleiern trachtete.

Nicht real

Der gesamte Wasserverbrauch von New York City eines ganzen JAHRES brandet in gerade einmal drei Tagen über die Klippen dieses tektonischen Grabens!
Das ist eigentlich gar nicht real.

Dementsprechend eitel und hanebüchen muss der Versuch erscheinen, jenen Anblick zu beschreiben, der sich uns auf der gegenüber liegenden Seite der Schlucht bot. – Nein. Dieses eine Mal weigere mich. Das macht doch alles keinen Sinn.
Ihr habt die Bilder,
das muss reichen.

Zu Gesicht

Leider war das Hölleninferno der Orkane aus messerspitzen Wassermolekülen, die uns aus der Tiefe entgegen geschleudert wurden, an dem Tag so massiv, dass wir breite Abschnitte der 1,7 Kilometer langen Victoria Falls vor lauter Nebel kaum zu Gesicht bekamen.

Dafür bekamen wir ein eindringliches Gefühl davon, wie es sein muss, durch eine schizophrene Waschanlage zu patschen, die selbst von einem Tornado mit Stufe Fünf gefangen genommen worden war. Denn am Ort der Ewigen Regenbögen, die ich in der Intensität und Farbenpracht noch nie gesehen hatte, hämmerten die Tropfen wahrhaftig wie Geschosse von allen möglichen und unmöglichen Seiten auf uns ein.

Verwandlung

Die typische Savannenlandschaft der Regionen Zentralafrikas verwandelte sich urplötzlich in eine tropische Urwaldkulisse, denn die nach oben katapultierte Flüssigkeit fiel unverzüglich als Regen wieder herunter.

Innerhalb von Sekunden waren wir trotz steifer Regenkleidung bis in unser Knochenmark hinein durchnässt, und zum ersten Mal in meinem jämmerlich kurzen Leben konnte ich den Ausdruck „begossener Pudel“ in seiner ganzen triefenden Tragweite erfassen.

Donnergott

Ich meinte, dass mein Trommelfell erst zu vibrieren aufhören würde, wenn die Sonne erlischt, und ich mein Lebtag mit einem Tinnitus in den Ohren herum laufen müsste, der sogar den Donnergott Odinson unters Bett scheuchen muss. Das Heilige Wort Gottes bei der Erschaffung des Weltalls hätte kaum Schrecken erregender sein können.

So majestätisch und machtvoll aber dieses Erlebnis auch war, wollten wir uns dennoch einen besseren Überblick über den Wasserfall verschaffen.
Deshalb buchten Arnold und ich einen sündhaft teuren Helikopter-Flug und flatterten schöööön entspannt und in mehreren Schleifen über das sagenhafte Naturwunder hinweg. Ja! Wenn schon Babylon, dann Gomorrha.

IIIIIIIKKHHH!!

Es war mithin der erste in unser beider Leben und dementsprechend IIIIIIIKKHHH!! waren wir drauf. Wir kicherten wie kleine Mädchen und führten uns vollkommen zurecht und dementsprechend kindisch in der Hubschrauberkabine auf. Es war vor allem ein zuhöchst berühmtes und ehrwürdiges Filmzitat, das uns keine Ruhe mehr ließ, auf das wir uns tagelang vorbereitet und es einstudiert hatten.

Ihr könnt meine grenzenlose Enttäuschung sicher verstehen, als uns der Pilot ergeben und für mein empfindliches Empfinden etwas zu trocken zu verstehen gab, dass wir uns beileibe nicht als die ersten erwiesen hatten, die eben auf diese Idee verfielen.

Einzigartig

Er versuchte zudem, sein amüsiert gelangweiltes Gemüt mit einer routinierten Mischung aus Charme und Humor zu überspielen, aber als langjähriger Rezeptionsmitarbeiter hatte ich das natürlich sofort gemerkt.

Schließlich machte ich es mit unseren Gästen genauso.
Umso mehr hätte ich ihm am liebsten links und rechts eine gescheuert, unsere Kreativität und Einzigartigkeit derart billig und unverfroren in Frage zu stellen und mir dazu noch meine eigene Unaufrichtigkeit auf die Nase zu binden!

Auftürmen

Was glaubte der denn, wer er sei!
Leider hätte das auch nichts mehr gebracht, denn der Schaden war bereits angerichtet. Außerdem trug er ja einen Helm. Ein Trinkgeld hat der Schlawiner aber nicht von mir bekommen, das könnt Ihr mir glauben.

Von dort oben konnte ich auch schön die einzelnen Schneisen erkennen, die sich in früheren Zeiten durch sukzessive Erdbeben aufgetan und so den Wasserfall an immer neuen Stellen geschaffen hatten. Dieser wurde seit jeher gespeist vom mächtigen Zambesi-Fluss, den der jähe Sturz jedoch derart verwirren musste, dass er sich hernach in eine so missliche und beleidigend enge Rinne zwängen ließ.

Jedenfalls konnte ich das nur in der Art und Weise begreifen. Aber…
Ich bin in einem Hubschrauber geflogen! – Check.
Die Chose dauerte zwar nur fünfzehn Minuten und war schneller vorbei als eine Eintagsfliege, die sich in der Zeit rückwärts bewegte, aber sie war jeden einzelnen, jeden bekackten Dollar wert gewesen.

Umrunden

Zwang

Oberlauf

Inferno

Der Erste

Beleidigung

Wolken

Niemandsland

Intensität

Mysteriös

Gischt

Klippen

Begießen

Stellen

Verschleiern

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Bitte umblättern: Wie man die Welt…

 

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