13

Dez

Gehsteigrituale: Vom Leben unter Akazien

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Schluckspechte & Schlampen…
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Hintertreffen

Die Stadt Axum geriet nach dem Fall des Großreiches im 9. Jahrhundert immer mehr ins Hinterwäldlertreffen. Manche sagen, es lag an der Überbevölkerung, mit einher gehender Überweidung, Entwaldung und Bodenerosion.

Andere meinen, die Araber waren schuld, oder die schreckliche Kriegerprinzessin Judit, die in das friedliche Land einfiel und alles zerrüttete; eine Jüdin auch noch oder noch schlimmer: eine Heidin!

Hinterland

Wie? Judit hieß sie. – Nein, definitiv nicht Xena, auch wenn da ein „X“ im Namen ist.
Am interessantesten fand ich aber die Theorie über einen kleinen Klimawandel, der den Axumiten den Garaus gemacht haben soll.

Vielleicht war das ja der gleiche, der den Bajuwaren dazumal den Wein vergällt und sie sich deswegen aufs Bierbrauen verlegt hatten. Aber dazu gleich mehr.
Jedenfalls, schade für Axum, Prost Gemütlichkeit für Bayern!

Verschlafen

In der Tat wirkt die Stadt ein wenig wie ein verschlafenes Wüstennest im mexikanischen Hinterland. Was mir für meine letzte Zeit in diesem stressigen Land auch ganz gut in den Kram passte. Die Hauptstraße hatten sie aber schön hergerichtet mit Palmen in der Mitte und den hinreißenden, roten Blüten in den breiten Wipfeln der Akazien zu beiden Seiten der Straße.

Durch seine Altstadt zogen oft noch verschlafenere (heute sagt man dazu ja „entschleunigt“) Kamelkarawanen auf ihrem Weg von Somalia in den Sudan. Oder so.
Naja, Karawänchen waren das eher, vielleicht die Vorhut oder eine Art präkapitalistischer Stoßtrupp.

Rasta

Ah! Hab’ ich doch noch was vergessen! Das ehrwürdige Gotteshaus von Arabtu Ensessa, aber keine Sorge, das war eh zu. Es sah nur so lustig aus mit seinen bemalten Holzrahmen: wie eine schreiend bunte Rasta-Kirche.

Aber mir ging es auch so. Als ich nach drei Tagen endlich mit den Hauptsehenswürdigkeiten durch war, da fühlte ich mich, als ob ich nach einer Woche knüppelharter Schufterei endlich in mein verdientes Wochenende darf.
Oh, man kann das alles durchaus auch an einem Tag schaffen, sooviel ist es dann auch wieder nicht. Aber wieso, bin ich dumm oder sowas?

Das Übliche

Mein großmächtig verlängertes „Wochenende“ bestand zumeist darin, spazieren zu gehen und möglichst viele Straßencafés auszuprobieren, ohne dabei spontan von einem Koffeinschock erleuchtet zu werden. Das Übliche also.

Von denen wimmelte es dort geradezu: es schien sich mit ihnen ähnlich zu verhalten wie mit Sternen und Galaxien: Je länger sich das Auge an den Anblick gewöhnt, desto mehr entdeckt man, nur um am Ende ehrfürchtig und entnervt feststellen, dass ihre Zahl sich in der unfassbaren Unendlichkeit verliert.

Altar

Alle sieben Schritte mochte ich abdriften und mich hinsetzen, und mit Gewalt musste ich mich daran erinnern, dass ich schon fünfe intus hatte und mein immer schwerer zu unterdrückendes Herzrasen vielleicht daher rührte.

Es ist ja auch nicht schwer, eines zu eröffnen. Man muss nur ein paar Hocker und den traditionellen Bunna-Altar aufstellen (hinter dem im Gegensatz zu Kirchen ausschließlich Frauen Zutritt zu haben scheinen) sowie das Kohlenfeuer für die Kaffeekanne anfächeln. Easy.

Girls

Aber in Axum wurde die „coffee ceremony“ tatsächlich auf die Spitze getrieben. Jedesmal, wenn man einen der traditionellen Espressos bestellt, rösten die Girls eine Handvoll frische Bohnen und halten sie einem unter die Nase, sozusagen als Appetizer. Das gefiel mir außerordentlich gut.

Akolyth

Nachdem oder während noch das duftende Pulver aufkocht, leeren sie die dickflüssige Brühe mehrmals von einem Kännchen ins andere, wie um die Konsistenz zu testen. Ich weiß bis heute nicht, warum sie das wirklich machen.

Sobald sie aber zufrieden sind, stellen sie ein kleineres Kohlenfeuer vor den willigen Akolythen hin und beträufeln es geduldig mit ein paar Krumen Weihrauch, damit die Stimmung angemessen andächtig bleibt.

Dann bekommt man jenes henkellose Tässchen, das im ganzen Land mit dem gleichen Muster verziert ist, nicht selten und wortwörtlich auf einem Silbertablett serviert.
Und das alles kostet immer noch nur fünf Birr, circa fünfzehn Cent.
Ist das nicht todesschick?

Ritual

Gehsteige

Wüstenkaff

Karawane

Stoßtrupp

Handel

Klimawandel

Entschleunigt

Unter Akazie

Palmen

Schön

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