12

Aug

Folgt nicht den Lichtern! – Ablenkungen im Untergrund

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Über die Bedeutsamkeit…
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Schönheit

Spätmorgens, in aller Herrgottsfrüh am Folgetag hüpfte ich demnach gespannt und mit leichtem Gepäck in die Metro, voller Vorfreude. Doch an diesem Punkt muss ich bereits jäh wieder inne halten.

Denn dort, an diesem unwahrscheinlichen Ort in den Gedärmen des Molochs, dieser dystopischen, künstlichen Umgebung, die dem Leben so nahe steht wie die Beißzange einer Seerose, diesem Kanal kontinuierlicher Totgeburten aus Stahlbeton, Neon und eisig grauer Funktion, musste ich mitten in meinem Stechschritt verharren, denn vor mir erstreckte sich… Schönheit.

Wanderer

An der Station „La Raza“ musst ich einmal umsteigen, doch das bedeutete dort nicht, schlicht ein, zwei Rolltreppen hinunter oder hinauf zu cruisen, sondern mutierte zu einem ordentlichen Fußmarsch von bestimmt einer Viertelstunde, so als ob ich von einem Flughafen-Terminal zum nächsten wechseln wollte.

Um aber den einsamen Wanderern die Zeit zu vertreiben, waren die Wände behangen mit vielerlei Schautafeln, die im Großen und Ganzen die Geschichte und Entstehung unserer Welt zum Thema hatten, vom ersten Wasserstoffmolekül bis zum heutigen Schlamassel.

Sympathisch

Die Inhalte waren nicht nur aktuell, sondern zudem sympathisch und kreativ aufbereitet, wo es zum Beispiel hieß: „Die Entwicklung des Sonnensystems in einem Jahr“ oder „Die letzten vierundzwanzig Stunden der Erdgeschichte“.

Gewiss, es waren gewöhnliche, bebilderte Schautafeln mit schriftlichen Erklärungen, aber immerhin keine dieser debilen Reklameposter, für die sich sogar ein Pottwal schämen würde.

Sterne & Nebel

Im Gegenteil, mir schien es, als sei das alles mit viel Liebe und Aufmerksamkeit gestaltet worden, um den dahinhetzenden Massen wenigstens einen Funken mitgeben zu können von wunderschönen Sternennebeln und Galaxien, den Planeten und ihren Trabanten. Nicht nur unsere gute Luna starrte mir da gleichmütig wie die Mona Lisa entgegen, sondern auch so illustre Persönlichkeiten wie Io und Europa.

Das Beste allerdings, und dazu musste ich sogar einen kurzen Film pixeln, war der Tunnelabschnitt, der vollkommen mit einem sanften und doch kräftigen Blau ausgeleuchtet war, und wie eine lang gezogene Sternwarte wirkte. Denn an den Seiten wie auch an der Decke erstreckten sich die erhabenen Bilder und Konstellationen unseres Sternenhimmels. Wirklich, wunderschön.

Sternwarte

Trotzdem war ich der einzige, der wie verzückt und mit offenem Mund stehengeblieben war. Die Locals steckten natürlich viel zu sehr im Sekundentaktkleber ihres Alltags fest und kannten es zu gut, als noch groß davon Notiz zu nehmen. Aller Glanz verblasst in der grausamen Mühle der Zeit.

Doch an solch liebevollen Details merke ich, wenn eine Stadt lebt, und da muss ich sagen und fürchte ich, dass mein schönes München sich in eine ungute Richtung bewegt. Dort scheint das Leben immer mehr abgewürgt zu werden und als unheimliche Hexe auf dem Scheiterhaufen des Mammons, der Sicherheit und Kontrolle verbrannt zu werden.

Gelbe Linie

Alle Zeiten haben ihre Gräuel und Inquisitionen, nur treten sie anders zutage, subtiler vielleicht, um nicht allzu leicht aufzufallen und als solche gebrandmarkt zu werden.
Nach einer Weile jedoch riss ich mich mit einer Anstrengung von diesem einmaligen Anblick los und begab mich entlang der gelben Linie zum Bahnhof „Autobuses del Norte“

Dieser erwies sich als modern, weltstädtisch und naturgemäß riesig mit seinen hochfahrenden Eisengewölben. Am Gate 8 gingen stündlich die Busse nach Teotihuacan, mein diesbezügliches Timing mit sieben Minuten Wartezeit, kann man sagen, astrein.

Böschung

Und schon zuckelte das vollbepackte Gefährt durch die bunten Uferböschungen dieses urbanen Binnenmeeres in Richtung eines völlig anders gearteten Riesen, der schon einige Zeitalter mehr auf seinem steinernen Buckel hatte.

Demgemäß wollte ich ihm auch die gebührende Zeit und Aufmerksamkeit zukommen lassen und mietete mich ganz entgegen meiner alten Effizienzhascherei in einem verhältnismäßig noblen Hotel für sage und schreibe dreißig Euro die Nacht ein, so dass ich immerhin zwei Tage Zeit hatte für die Großen Pyramiden von Teotihuacan.

Unmittelbar

Nachdem ich mein luxuriöses Zelt in unmittelbarer Nähe des Ausgrabungsgeländes aufgeschlagen hatte, kaufte ich mir am frühen Nachmittag ein Billet für überaus bescheidene 80 Pesos (vier Örsen). Da zahle ich doch gerne zweimal Eintritt!
Wenn ich da an Laliprella
denke… Jesus Maria.

Bevor ich mich der legendären Hauptachse und Prachtstraße des alten Komplexes zuwandte, begab ich mich mehr oder weniger zum Aufwärmen an einen Nebenschauplatz, der mich von seinen Ausmaßen eher an Monte Alban erinnerte.

Aufwärmen

Dort befand sich die „Pyramide der Gefiederten Schlange“, Quetzalcoatl, der Schöpfergott der mittelamerikanischen Völker und Sinnbild für den unermesslichen Ozean, dessen Visagen mir entlang der Front und am Treppenaufgang frech entgegen bleckten.

Dazu gab es überall auf der gesamten Anlage Abbildungen von Maisfrüchten und Kreissymbolen, die in den Fels gearbeitet worden waren. Ich weiß nicht mehr, für was die wieder standen, wahrscheinlich eh für das Leben.

Dann aber machte ich mich endlich auf den langen Marsch entlang der „Allee der Toten“ zur Mondpyramide, die sich formidabel und doch wie ein Zwerg in über zwei Kilometern Entfernung gegen einen Hügel unserer großen Meisterin Mutter Natur abhob.

Frech

Blecken

 

 

 

 

 

 

Formidabler Zwerg

Zeitalter

Nebenschauplatz

Quetzalcoatl

Gefiedert

Blau

Schlamassel

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Bitte umblättern: Der Tod steckt…

 

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