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Jul

Anmutiger Verfall: Vom Leben in einem Komposthaufen

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Inwieweit ist Tradition…
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Gestirne

Solcher Art läutete ich genüsslich und geruhsam meine Tage im Herzen Jugols ein. Davor setzte ich mich gerne hin und sah unserem Gestirn zu, wie es flammend über den Minaretten der Stadt aufging, und übte hernach thematisch passend den Sonnengruß.

In perfekter zeitlicher Harmonie und Eleganz brachte mir die Tochter der Besitzer mein Frühstück an den Tisch, während ich noch mit geschlossenen Augen dastand und versonnen nachspürte.

Ethio-Graffiti

Nach der überfälligen Kaffeeinfusion jedoch war ich bereit und gewappnet für einen furchtlosen Erkundungsgang durch die Wirrnisse der Altstadt mit ihren fünf Stadttoren. Die Mauern, die die engen Gässchen begrenzten, waren oftmals bunt bemalt und mit liebevoll gestalteten Mustern und Symbolen versehen.

Ein Guide hätte da sicher Aufschluss geben können, aber schließlich war ich im Urlaub. In einer anderen dagegen fanden sich die knochigen Überreste, Magen sowie das malerische Gedärm eines Tieres, acht- und respektlos aus dem Fenster geworfen.

Achtlos

Wahrscheinlich kommen deswegen die Hyänen des Nachts durch die Kanalisation in die Stadt.
Das stimmt wirklich. Deren Gewohnheit hatte schon früher solche Ausmaße angenommen, dass sich ein paar der Einwohner dazu erbarmten, die Aasfresser regelmäßig zu füttern, damit sie in ihrer Not nicht etwa nach frischen Waden oder kleinen Kindern schnappten.

Brauch

Soll schon vorgekommen sein. Wer weiß, vielleicht handelte es sich auch um einen feinen Winkelzug von Harars PR-Abteilung.
Warum sie dafür allerdings ausgerechnet Haferbrei hernehmen, das kann ich wiederum nicht sagen. Auf jeden Fall scheint dieser sonderbare Brauch darüber hinaus, ähnlich wie das Murmeltier in …, eine Art Orakel darzustellen:

Wenn die keckernden Viecher ihr Porridge brav auffressen, so soll es ein segensreiches Jahr voller Fülle und Wohlsein werden; wenn nicht, drohen Tod und Verderben. Oder so.
Die Harari sind natürlich nicht blöd und haben aus der Not eine Tugend gemacht, denn sie verkaufen Eintrittskarten zu je hundert Birr für dieses nie dagewesene und spektakuläre Hyena-Feeding.

Attacke

Mindestens dreimal wurde ich bis dahin gefragt, ob ich nicht daran teilnehmen will, weil, voll geil, aber lieber würde ich eine Hyäne tartar (oder „kitfo“, wie es hierzulande heißt) verspeisen, als mir solch einen Schmarrn anzuschauen. Das konnten die hoffnungsvollen Burschen wiederum gar nicht verstehen und sind verstört wieder abgezogen.

Aber ich war bei Gedärmen. Ja, das war ganz schön ekelhaft.
Dabei war ich nicht einmal beim „Gidir Magala“, dem atmosphärischen Fleischmarkt mit seinen geschwungenen Arkaden, auf deren Dächern ihre geflügelten Kollegen sich schon bereit hielten, um beim ersten Anzeichen von Unkonzentriertheit eines eben noch glücklichen Käufers auf seinen fasrigen Fang herabzustoßen.

Sitten

Im Schatten der Bögen fläzten alte Herrschaften und riefen mir irgendetwas Unverständliches und höchstwahrscheinlich Anstößiges zu, denn daraufhin folgte zumeist ihr kehliges Lachen, das sich anhörte wie ein Reibeisen mit Tuberkulose.

Ganz anders hingegen war die Stimmung in der Straße der tapferen Schneiderlein, wo die Altvorderen gesittet in den Auslagen ihrer Geschäfte hockten und den ferenji ebenso fasziniert mit ihren Blicken verfolgten wie ich sie.

Eingelebt

Jugol wirkte bis zur Implosion eingelebt, ein schwülstiger, süß vergammelter und nach verbrauchtem Leben stinkender Dunst hing zwischen den Gassen, eine menschliche Kloake kurz vor ihrem schwanengleichen Umkippen. Obdachlose mit kerngrünen Chat-Zähnen säumten die Straßen, halb begraben unter einem undefinierbaren Gemenge aus Lumpen und Müll, in deren ursüpplichem Chaos wohl neue Universen entstanden.

Clever

Manche lagen mitten in der Gosse, besinnungslos vom Abusus der Volksdroge und den unbarmherzigen Strahlen der Sonne ausgesetzt, die sie freilich nicht mehr wahrzunehmen imstande waren. Ihre entblößten Gliedmaßen schienen schon beinahe versteinert und verbacken mit dem Kopfsteinpflaster, auf dem sie lagen.

Die Ziegen waren da um einiges schlauer.
Einen dieser vortrefflichen Straßenbewohner kannte ich nach ein paar Tagen fast persönlich, da er seine zerlumpte Heimstatt auf meinem direkten Weg vom Gästehaus zum Café am „Feres Magala“, dem zentralen Platz in Jugol, erwählt hatte.

Universen

Jeden Tag auf’s Neue fragte er mich nach Geld, bald jedoch mit einem wissenden Grinsen im Gesicht, weil er bis zu dem Zeitpunkt schließlich wusste, dass er da bei mir auf Granit beißt. Und so viele Zähne hatte er dann auch nicht mehr. Auch ein ganz famoser und souveräner Zeitgenosse, und ich zollte ihm meinen uneingeschränkten Respekt. Natürlich wäre ihm ein Birr lieber gewesen.

Wenn man sich vorstellen mag, dass kurz nach dem Urknall nicht nur eine verwirrende Melange aus elementaren Teilchen und Substanzen gegeben hätte, sondern auch eine Art menschliche Ur-Entrée, so kämen die vielfältigen, doch kaum auseinander zu haltenden Geruchspartikel und visuellen Moleküle von Jugol’s Altstadt einem humanitären Schöpfungsschleim am nächsten; bevor sich allmählich die furchtbare Vielfalt unseres Tuns und Wirkens auf diesem kleinen Planeten herauskristallisierte.

Irrgarten

Das Schöne an solch einem gepflasterten Irrgarten ist, dass man Wochen zubringen und trotzdem immer neue Ecken entdecken könnte, obwohl es kaum mehr als ein, zwei Stunden dauert, die gesamte äußere Stadtmauer der Länge nach einmal zu umrunden – einfach, weil man sich am Schluss an die ersten Orte gar nicht mehr erinnert.

Kreuz

Zumindest zwei Kirchen gab es in dem Ozean aus Moscheen sowie ein paar mit saftigen Holzbalken, Balustraden, Treppenfluchten und romantischen Laternen verzierten Herrschaftshäusern vergangener Regenten, deren Außenwände mit strahlendem Weiß bemalt waren und somit dezent an ein deutsches Fachwerkhaus erinnerten.

Die zahreichen Esel und Ziegen, die zum Teil die Fluchten versperrten, störten mich viel weniger als das unablässige, mitleidlose und niemals enden wollende „YOU! Ferrenjo! Youyou!…“ Es ist ein Kreuz.

Stattlich

Aber es gab auch schöne Erlebnisse. Auf einem meiner hansluftigen Spaziergänge begegnete ich einem jungen Burschen, der da frech deklamierte: „I like your hair!“ Der endlosen Kommentare über mein Erscheinungsbild (Ein Dauerbrenner ging zum Beispiel so: „Hey Rastaaa… Haile Selassie… peace näu!“) überdrüssig und redlich müde, drehte ich mich im Vorbeigehen nicht einmal um und murmelte nur ein halblautes „Thanks“ vor mich hin.

Licht

Dann jedoch fügte er hinzu: „Like mine!“ Hellhörig geworden, wendete ich mich doch noch um. Da lüpfte er keck seine Mütze und offenbarte einen stattlichen Haarzopf wahrhaftig dem meinen gleich, und wir fingen beide tief und vollmundig das Lachen an.

Derart kleine und vollkommen unscheinbare Momente, die wie aus dem Nichts ein Licht in die Welt entsenden, wirken allzumal wie eine lindernde Salbe gegen all die nervenden Spasten, die anscheinend einen heiligen Eid geschworen haben, einem das Leben aufrichtig zur Hölle zu machen.

Verfall

Entstehung

Goldmund

Herrschaft

Erinnern

 

 

 

 

 

Bunt

Konzentration

Esel

Beim Metzger

Direkter Weg

Stadtmauer

Stadttor

Umrunden

Fleischmarkt

Leben

Fachwerk

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