19

Dez

Pandora: Vorfreude ist die unschuldigste Freude

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Des Geistes…
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In diesem Beitrag sind nur vereinzelt Bilder vorhanden und es werden keine Namen genannt aus Respekt vor der Privatsphäre eines jeden Piraten und Zauberers, einer jeden Hexe und Priesterin, die am Camp teilnahmen. Bilder sind zwar einfacher und oft treffender als Worte, doch an dieser Stelle reichen selbst diese bei weitem nicht aus, das Erlebte auch nur annähernd zu beschreiben.
(Anm. des Sammlers)
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Früher

Man weiß ja noch, wie es als Kind war, wenn Weihnachten groß und geheimnisvoll vor der geschmückten Türe stand. Je näher das besinnliche Ereignis rückte, desto zäher und unwilliger schien die Zeit zu vergehen; als ob das Universum sich einen Streich mit dem kleinen Erdenmenschlein erlaubte.
Dieser Eindruck zieht sich mithin durch mein ganzes Leben, und so langsam glaube ich, dass es sich dabei um ein Naturgesetz handeln muss:

Willkommen in der grausamen und wunderbaren Dualität von Max und Moritz, wo Loki das Zepter fest in der Hand hält und es mir nichts, dir nichts in ein Lakritzbonbon verwandelt. Doch Vorsicht vor den Geschenken des großen Tricksters!

Mir war das alles wohl bewusst, schließlich bin ich kein Anfänger mehr und nicht erst seit gestern auf diesem durchgeknallten Planeten. Ich weiß, was mit Erwartungen passiert, wenn man sie zu lange in der Hand hält:
sie verbrennen einen wie das mysteriöse Amulett den armen schweinsgesichtigen Nazi in den schneeumtosten Bergen von Nepal, der soeben seine erste zarte Bekanntschaft mit Indiana Jones gemacht hatte.

Man meint, ihrer Folter gar nicht mehr entrinnen zu können, weil der Schock und die krampfende Muskulatur sich wie ein Eisenblock darum schließen, ein fataler Teufelskreis, bis man lichterloh in Flammen steht.
Aber nur weil man darum weiß, gehen die Erwartungen freilich nicht weg.

Und wenn dann noch der Stolz zu schnell gereiften Wissens unter dem Schafsmantel vermeintlicher Lebensweisheit hinzu kommt… Dann sollte man sich möglichst schnell nach einem Fallschirm umsehen und hoffen, dass es nicht der Schulranzen des kichernden Rotzbengels ist wie in dem Witz mit Donald Trump.

Aber so war es. Nur langsam und zäh verstrich die Zeit, als ich mich am nächsten Tag erhob und gemütlich in unserer Open Air-Küche stöberte.
Ich hatte mich in meiner übersteigerten Selbstdisziplin wieder einmal selbst verarscht.

Mit einem schiefen Grinsen blickte ich auf meine immer noch hieb- und stichfest fest eingeschweißte Packung mit Zitronen-Ingwer-Tee, nachdem ich dem Topf mit dampfendem Kaffee auf den Camping-Kochplatten gewahr wurde.
„Oh herrlich guter Gott, Dein sei das Reich, danke!“ Mit einem erleichterten Schluchzen verneigte ich mich vor meinem höheren Selbst und all meinen Schutzengeln für dieses Geschenk des Himmels.

Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Zigarette. Aber meinen Tabak hatte ich selbstverständlich brav zu Hause gelassen, denn schließlich war das hier ein verdammtes Medizincamp. Da geht es um Heilung und Reinigung, verstehst? Zefix hallelujah.
Immerhin waren einige erfahrenere Teilnehmer dabei, bei denen ich mich die kommenden vier Tage alternierend durchschnorren durfte. Na denn Prost Gesundheit.

Schleppend und spontan fließend wie erkaltende Lava versammelten wir uns nach und nach zu einer offiziellen Vorstellungsrunde in der Jurte mit – einem „Talking Stick“…
Einem Reflex folgend krampfte ich innerlich erneut zusammen und sog unhörbar scharf die Luft ein:

Montag

Visionen von juckenden Wollpullis, peinlich berührten Blicken, verschämten Kratzbewegungen und fliegenden Wollknäueln wogten durch meinen Geist wie eine traurige Montagsdemo, die keinen interessiert, weil gerade Bayern gegen Real Madrid spielt.

Aber genau darum geht es ja: den Speicherboden der eigenen Seele mit all ihren verstaubten Konzepten und Vorstellungen einmal gründlich durchlüften und auskehren! Am besten mit Stahlborsten und einem ordentlichen Kompass.

Wohlan, reicht mir diesen magischen Stecken der Redegunst, räumt den Platz frei, lasst’ mich Arzt!, ich bin durch; auf das ihr Euch wünschen sollt, ihr hättet ihn niemals aus der Hand gegeben! HAAhahahahahaaa!!
Aber am Ende war es gar nicht so schlimm.

Den Rest des Tages verbrachten wir damit, alles für die Großmutterzeremonie vorzubereiten: wir huben eine anständige Grube zum Übergeben aus, optimierten die Toiletteninstallationen und versahen die jeweiligen Pfade dorthin mit Teelichtern, damit die armen verlorenen Seelen, hoffnungslos verstrickt in den unwirtlichen Ödnissen des kollektiven Unterbewussten, den Weg auch in der Dunkelheit finden mochten.

Dass mittlerweile Waldbrandgefahr Stufe Fünf herrschte, das wurde uns allerdings erst am nächsten Tag mitgeteilt. Und überhaupt, was soll das eigentlich heißen? Zu dem Zeitpunkt brannten wir eh schon wie wirbelnde Flammensäulen im großen Meer des Gedankenozeans.

Aber ich greife vor. Wir schmückten also die Kotzgrube mit ein paar Blumen, damit die Leute es schön hatten zwischen ihren Anfällen aus Schüttelkrämpfen und heiseren Tränen. Sodann gab es noch eine letzte Vorbereitungsrunde, wo uns mehr über Herkunft, Wirkweise und sonderbare Eigenarten des Gebräus, das wir später einnehmen sollten, berichtet wurde. So. Fertig.
Geht’s-jetzt-los??-Geht’sjetztlos??

Jjja! Wahrlich, nach Einbruch der Dunkelheit scharten wir uns wie kichernde Jungfrauen abermals um das flackernde Feuer der Jurte und scharrten emsig mit unseren Wurzelchakras.
Wenn ich es recht überlege… vielleicht fühlte ich auch mich nur so. – Vielleicht projiziere ich hier zuviel, das kann sein.

Nach den üblichen Begrüßungen und Räucherungen war es endlich soweit. Einzeln traten wir demütig und bescheiden vor die Schamanenreihe hin und empfingen die Medizin der Großmutter. Das Trinkgefäß erinnerte verdächtig an ein Stamperlglas.

Na, warum nicht? Mit einem beherzten Schluck kippte ich die geheiligte Flüssigkeit wie einen billigen Schnaps hinunter, sie schmeckte süß und bitter nach Erde. Alsdann setzte ich mich hin und harrte der Dinge, die da kommen wollten. Des weiteren wappnete ich mich gegen einen eventuellen Ansturm von Übelkeit, den es vor allem während der ersten Minuten nach Möglichkeit zu unterdrücken galt, so die Medizin ihre volle Wirkung entfalten sollte.

Ich vergewisserte mich noch einmal des genauen Standortes meines Emergency-Eimers und ging wie ein Bobfahrer jede einzelne Bewegung auf der kräuterinduziert heimtückischen Piste zu Toilette und/oder Kotzgrube im Geiste durch.
Okay, alles klar. Volle Fahrt voraus und feuert aus allen Rohren!

Lichterloh voraus

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Bitte umblättern: Wenn die Lanze bricht…

 

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