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Mrz

Im Wachsfigurenkabinett: Über Missionare und Sklavereien

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Nirgendwo…
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Warum auch?

Eigentlich kann ich zu Livingstone kaum etwas erzählen ein erleichtertes Seufzen ging durch die Reihen seiner Leserschaft wie ein erlösender Windeshauch, der sanft raschelt und über das Blätterdach eines müde gewordenen Waldes streicht –, da wir das „Jollyboys“-Hostel praktisch niemals verlassen wollten.

Warum auch? Nach den dicht gepackten Aktivitäten der vergangenen Tage brauchten Arnold und ich nun dringend Zeit zum Luft holen und um uns nur eine Frage zu stellen: „Was zum Teufel ist soeben nur passiert?“

Irgendwo

Das Eigentümliche an Livingstone war, dass es wie ein jekyllesker (oder je nach Standpunkt hydeianischer) Zwillingsbruder seines zimbabwischen Pendants auf der anderen Seite der Wasserfälle anmutete.

Obwohl der Tourismus ebenfalls mit der Gewalt eines Hadrian-Feldzuges darüber hereingebrochen sein musste, erschien mir die Ortschaft beinahe wie ein x-beliebiges Städtchen irgendwo in Sambia.

Unprätentiös

Natürlich gab es auch dort nervende Straßenverkäufer, aber von Tour Agencies, fancy Restaurants und Cafés kaum eine Spur. Im Gegensatz zu Vic Falls schien das Leben in Livingstone einen einigermaßen unprätentiösen Gang zu nehmen.
Aber wie gesagt, dabei konnte es sich nur um einen ersten Blick durch das Schlüsselloch unseres Hostel-Kleiderschranks handeln, der bei weitem nicht ausreichte.

Verträumte Trottel

Dafür scheinen mir an dieser Stelle einige kurze Worte zum schillernden Namensgeber dieser Stadt angebracht: Doktor David Livingstone, großer Entdecker sowie herzhafter Missionar und Imperialist.
Nun ja, das stimmt nur so halb. Aber es kann als gesichert gelten, dass es sich bei ihm um eine ziemlich ambivalente Persönlichkeit gehandelt hatte.

Seine berüchtigten Streifzüge quer durch den afrikanischen Kontinent müssen jedem von uns Laien ohne Zweifel großen Respekt einflößen. Allerdings sah das die „Royal Geographic Society“ Mitte des 19. Jahrhunderts etwas anders:

Die Entdeckungsreisen waren zumeist schlecht geplant gewesen und endeten jeweils in Desastern, was wohl allein schon daran lag, dass er in der Heimat ein hilflos romantisiertes Bild vom „Dunklen Kontinent“ zu zeichnen pflegte.

Kolonialisierung

Schlecht geplant bedeutete zu der damaligen Zeit, dass mit großer Sicherheit Menschen starben, und nicht nur Social-Media-Follower absprangen. Dergestalt wurde seine Bedeutung für die Kolonialisierungspläne des Empires erheblich relativiert, wohingegen seine „Leistungen“ als Missionar gegen Null strebten.

Man muss ihm jedoch zugute halten, dass er sich zeit seines Lebens für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt hatte. Gewiss hat er sich auf seinen Reisen das eine oder andere Mal von Sklavenhändlern aus der Patsche helfen lassen, aber ob dabei der Zweck die Mittel geheiligt hatte, das will ich nun wirklich nicht beurteilen. Womöglich hatte er tatsächlich keine andere Wahl gehabt.

Parade-Paradies

Sprich, wahrscheinlich hatte er das Herz durchaus am rechten Flecken, aber er war ein verträumter Trottel. Trotz alledem oder deswegen hat die Welt bis heute und wohl für alle Zeiten einen Narren an ihm gefressen. Immerhin steht er im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds, auf Gedeih und Verderb und wahrhaftig: ein Käfig voller Narren.

Auch das Jollyboys präsentierte sich als ein ambivalentes Paradebeispiel menschlichen Kommerzes. Wo auch immer möglich, wurde einem das Geld aus der Tasche gezogen, jedoch, und das muss ich sagen, zu moderaten Preisen.

Dazwischen

Auf der einen Seite handelte es sich um ein weiteres Hangloose-Paradies mit gemütlichen Nischen zum Chillen, einem großen Swimming Pool in der Mitte und dazwischen viel Grün. Auf der anderen fühlte ich mich als Gast eher wie ein weitgehend ignorierter Bittsteller denn als verwöhnter Wonneproppen; ein wunder Punkt, der die makellose Hostel-Atmosphäre empfindlich schmälerte.

Mit seinen rund einhundert Betten wirkte es schon unpersönlicher als das größte von unseren Wombatsen, das aus einer etwa fünfmal so großen Bettenburg bestand. Und das lag schlicht und einfach an der Tatsache, dass zu allen Zeiten unterschwellig und doch ganz deutlich durchschwang, dass man als Gast jederzeit ersetzbar war und lediglich die Funktion eines kackenden Goldesels besaß.

Verlieren

Dabei handelt es sich unbestreitbar um einen unglücklichen Fakt, an dem der Kapitalismus, wie jedes Gesellschaftssystem, seit jeher krankt, dass er zwar aus Menschen besteht und von ihnen angetrieben wird, sie sich selbst jedoch darin verlieren und keinerlei Gültigkeit mehr besitzen.

Aber es ist eine Sache, das gezwungenermaßen zu realisieren und anzuerkennen, und aber eine völlig andere, einem das bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Fresse zu polieren. Oder wie sagt man, unter die Nase zu reiben. Scheißegal, es nervt.

An die Bar

Es war ihnen zum Beispiel auch scheißegal, dass Arnold und ich ebenfalls in einem Hostel arbeiteten. Nicht dass man wertvolle Tipps oder Anregungen hätte austauschen oder sich wenigstens auf ein kollegiales Bier und zum Gossip-Austausch an die Bar hätte setzen können.

Nein, der gute alte Spirit hatte sich angewidert aus dem Komposthaufen des einstigen Elfenbeintürmchens aus Mülltrennungsidealisten und Pfannkuchenharpunierern gestohlen wie die Spreu vom Weizen des Profits.

KonZentration

Deswegen stieß uns als durchaus erfahrenen Pancake Trailern jener Sachverhalt vielleicht noch bitterer auf als anderen Gästen, die nicht beschwert wurden durch ein derart betriebsbedingtes Bewusstsein. Wir waren jedoch auch so erfahren, dass wir recht schnell die Schultern zuckten und uns vornehmlich auf das traumhafte Setup konzentrierten, mit einigen vorzüglichen Lebewesen als Gimmick.

Das ist nämlich das Ding mit diesen Friedenskorps-Volontären: Im Einsatzgebiet mögen sie ein recht isoliertes und, wenn auch dankbares und lohnenswertes, so vielleicht auch in einer Art und Weise ein eintöniges Leben fristen, so dass bestimmte Wünsche und Begierden auf der Strecke bleiben.

Und wenn jene dann in die Zivilisation zurückkehren mit all ihren verführerischen Lastern und Lockungen, und wenn darüber hinaus eine gut aufgestockte Bar quasi täglich in unmittelbarer Reichweite liegt… Nun, dann gehen vielleicht so mancherlei Ventile auf. Einfach so.

Schlüsselloch

Seinen Gang

Streifzug

Romantik

Fancy

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Bitte umblättern: Von letzten Dingen…

 

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