11

Mai

Stammesgewusel & Marktkonflikte – Ein Ausflug

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Schon probiert?…
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Bunt

Dabei wollte ich da ja eh nicht hin. Nach Key Afer.
Obwohl alle mit wehenden Objektiven hinrennen, wenn Markttag ist.

…Schaut her, da unten im Süden leben noch recht viele Stämme, die lange Zeit isoliert waren vom Rest der Welt und die Armbanduhren als Kopfschmuck tragen. Heutzutage kann man sie sich anschauen, wie Vieh in einem Freiwildgehege: „Schau mal Mama, ein bunter Neger. Der hat ja einen Keramikteller in der Unterlippe!“ Wie im Falle der berühmten Mursi zum Beispiel.

Konsumzoo

Tatsächlich legen viele Indigenen ihren traditionellen Stammesschmuck nur noch an oder bemalen ihre Körper nur deshalb mit weißen Mustern, um dann auf Weichspültouristen loszugehen und sich für fünf Birr vor einer Spiegelreflex für 8.000 Euro ablichten zu lassen.

Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das einigermaßen rüberkam, aber auf eine derart abscheuliche Fleischbeschau im Schlachthof der Lariam-Junkies hatte ich nur mäßig Lust. Aber irgendwie überredeten Mark und Jaren mich dann doch, so schlimm sei es ja gar nicht.

Dread Chicks

Es war also Markttag in Key Afer. Das bedeutete, dass mithin Angehörige von vier Stämmen, die in dessen Einzugsbereich leben, zum Shoppen dorthin hikten wie etwa die coolen Chicks vom Stamm der „Hamer“ mit ihren abgefahrenen roten Dreads, die sie mit Ocker färben. Für mein Verständnis hörte sich das zunächst so an, als ob es in der Tat Hoffnung gäbe auf einen Brotkrumen wirkliches Leben.

Hm. Zumindest die Hälfte des Marktplatzes war jedoch mit Kunsthandwerk für die Ausländer zugemüllt, alles echte Handarbeit wohlgemerkt, special, special!
Nicht so die Tribespeople, die kauften lieber einen neuen Besen oder einen dieser schrecklich giftgrünen Plastikeimer, oder sie gingen ihrerseits auf Touristenjagd.

Überredet

Mei, da war der menschliche Abgrund auf beiden Seiten wenigstens gleich tief, vielleicht kann man das so ähnlich sehen wie eine Zweckheirat. Wenn es also für beide Seiten tatsächlich so passt, dann will ich der Letzte sein, der darüber schimpft und wie ein überdrehter Skandalprediger seine morschen Moralkeulen schwingt, so als ob nun endlich das verdiente Ende der Menschheit gekommen sei.

Leuchtfeuer

Nein, in so einem Fall liegt es mir natürlich fern, zu urteilen. – Trotzdem war es ekelhaft.
„Überdreht“ im übrigen ist ein gutes Stichwort. Die Sache mit den Guides und dem Eintritt dorten langweilte mich nämlich auch ganz schön.
Ihr mögt Euch jetzt fragen, wo genau da der Zusammenhang liegt, aber habt Geduld, der geschnitzte Bogen kommt schon noch herbei gesegelt wie der Bumerang bei „Mad Max“. Maybe tomorrow? Maybe next week.

Für alles und nichts wollten die nämlich Eintritt in Key Afer.
Nun, ein Markt lässt sich freilich schwer kontrollieren, also fangen die Kassierer einfach jeden Bus ab, der es wagen sollte, die Hauptstraße entlangzufahren, und verlangen pauschal Eintritt für das ganze Dorf. Easy.

Überschaubar

Aber nicht nur das, ein Führer war zudem vorgeschrieben, als „Orientierungshilfe“ oder aus Sicherheitsgründen oder weil heute Montag ist.
Irgendwie war da aber schon was dran. Denn im Ort fand man sich zwar ohne Probleme zurecht, nur standen die Einwohner in der Tat nicht so sehr auf Bleichgesichter ohne Begleitschutz, aus welchem Grund auch immer.

Um Konso

Manches Mal macht also ein Guide schon Sinn. Am Vortag zum Beispiel, als ich mit Asha in die umliegenden Dörfer von Konso wanderte, war das sogar ganz klasse, denn der wusste echt viel und machte die ganze Angelegenheit überaus kurzweilig und interessant.

Aber es gab eben auch das genaue Gegenteil, wie an jenem verstörenden Tag in Key Afer. Der Typ erzählte uns rein gar nichts, sondern nuschelte auf unser Nachfragen nur irgendetwas halb Verständliches, weil er viel zu sehr damit beschäftigt war, „Chat“-Blätter zu kauen, die eine ähnliche Wirkung besitzen wie Coca in den Anden.

Kontext

Und da schnappt sie zu, die fiese Kontextfalle!
Folgerichtig sprang er nur wie ein aufgezogener Derwisch umeinander und faselte konfuses Zeug, die Augen leicht irr auf halb zehn.
Na toll. Also, in einen Bus steigen und auf einen Markt gehen schaff’ ich auch selber noch, vielen Dank.

So läpperten sich die Kosten in Äthiopien ganz schön, obwohl der Rest des Lebens dort extrem billig war. In weniger bekannten Gegenden ließ sich der Preis für Sehenswürdigkeiten noch ganz gut drücken, aber da unten in der Gegend des Omo Valleys, wo Sodom und Gomorrha Hochzeit feierten, da blieben sie natürlich stur.

Dorze

Die wären auch schön blöd, wenn sie das nicht täten, wie?
…Ach so, der Markt! Ja, der war schon ganz nett, aber der in Dorze hat mir viel besser gefallen – ohne Guide.

Die Militärkontrollen nervten zudem, denn je nach Motivation und Geltungsbedürfnis der Soldaten musste mein Rucksack vom Dach gehievt werden, damit sie ihn durchsuchen konnten. Aus irgendeinem Grund interessierten sie sich vor allem für meine Regenjacke und meine Batterien, jedoch vermutlich weniger aus professionellen Hintergründen.

Surreal

In und um die Oromiya-Provinzen kam es immer wieder zu Konflikten, weshalb die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt wurden. Die Volksgruppe der Oromiya fühlte sich wohl seit längerer Zeit schon gesellschaftlich vernachlässigt, da sie zwar eine Mehrheit im Land bilden, jedoch lange unter der Fuchtel einer stammesfremden Minderheitsregierung aus Tigray zu leiden hatte.

Auch da scheinen viele Äthiopier ihre Hoffnung in den neuen Präsidenten zu setzen, der alles richten soll. Auch ich hoffe das für sie, denn ich konnte die latente Anspannung in jenen Gegenden deutlich spüren. Viele Zivilisten hielten Macheten in Händen oder schulterten ihre privaten Flinten; auch nach all den Jahren auf der Straße ein seltsam unwirklicher Anblick.

Es wurde mir wieder einmal bewusst, wie viel Glück ich doch hatte mit der Wahl meines Geburtsortes.
Die Straße war nur teilweise geteert, und solche Abschnitte wirkten wie ein verdächtiges Artefakt auf dem Mars ähnlich surreal. Ich schreckte jedes Mal irritiert und etwas besorgt auf, wenn ich auf einmal – nichts mehr spürte.

Windhose

Wo waren die liebevollen Klapse der Schlaglöcher geblieben? Selbst die formvollendeten dust devils, die den vorbeibrausenden Trucks wie eine biblische Schimäre folgten, waren im Nu spurlos verschwunden.
Unwillkürlich zog ich die Knie enger an meinen Körper. Viel mehr Platz war eh nicht.

Ja, je weiter ich mich von Addis Abeba entfernte, desto interessanter wurden die Busfahrten. Kühe und Ziegen vergnügten sich auf der Straße, ab und an vereitelte ein stoischer Esel die Beschleunigung auf äthiopische Geschwindigkeit, der da immens kritisch und mit misstrauischem Blick seine eigenen Exkremente beschnupperte.
Mitten auf dem Highway.

Stoiker

Kinder wedelten aufgeregt mit ihren Schuhen aus alten Autoreifen oder tanzten einen ulkigen Twist auf der Fahrt zwischen Key Afer und Konso, indem sie im Wechsel beide Beine nach innen und nach außen drehen. Aus irgendeinem Grund fiel mir dabei Forrest Gump ein.

Sie taten einfach alles, um die vorbeihetzenden Jeeps mit den menschlichen Goldbarren und ihrem funkelnden Zahnersatz zum Stehen zu bringen.
Wäre der Grund dafür nicht so überaus tragisch und deprimierend, ich hätte mich dazu gestellt.

 

Hamer

Abgründe

 

 

 

 

 

 

Gewusel

Fleisch

Shoppen

 

 

 

 

 

Jagd

Brotkrumen

Hiken

 

 

 

 

 

Spektakel

Hauptstraße

Konflikt

 

 

 

 

 

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