10

Jul

Seitensprünge: Visionen von Kamelen und Dämmerlichtern

Zu schnell? Einmal zurückblättern, sehr gern: Die Kunst des…
———————————————–

Andersherum

Inspiriert von seiner „Autobiographie eines Yogi“ versuchte ich mich alsdann an einer Atem- und Energietechnik aus dem Kriya-Yoga. Zunächst fühlte ich mich tatsächlich erfrischt und aufgeladen wie eine summende Batterie, mit fortwährender Dauer jedoch wurde ich stetig matter, bis ich leer und ausgepumpt dalag.

Vielleicht hätte ich meinen Energiefluss doch andersherum lenken sollen. Ich stelle mir das in etwa so vor, wie wenn man versuchte, in London auf der gewohnt rechten Straßenseite zu fahren. Keine Ahnung, wahrscheinlich wäre es sowieso besser gewesen, das Ganze unter Anleitung zu probieren.

Vorherrschaft

Jedenfalls war ich verstört und deprimiert geradezu, konnte kaum fassen, dass ich einen Fehler begangen und jene kostbare Zeit der Meditation zum kosmischen Fenster hinaus geschmissen hatte.
Zu guter Letzt holte ich mir Rat bei meinen Ahnen und schlief, etwas versöhnt, bald ein.

Bis mich der Goldmund-Muezzin, welcher siegessicher mit allzu weltlichen Trucks und bajajs um die sonare Vorherrschaft wetteiferte, pünktlich um fünf und mitten aus einem tiefen, seelischen Prozess weckte. Das war ganz absonderlich und bemerkenswert und erinnerte mich an das Schamanen-Camp in Oberbayern letzten Sommer.

Leviathan

Geschlagene zwei Stunden lag ich noch da, unfähig aufzustehen, da ich den Vorgang zu einem befriedigenden Abschluss bringen wollte.

Wie mächtige Leviathane stiegen ein ums andre Mal dicke, geschwollene Gefühlsklumpen aus der dunklen Tiefe des Unterbewusstseins an die Oberfläche meines aufgewühlten Ichs. Erst wollte ich davor zurückschrecken, doch ich rang mich dazu durch, sie mir genau anzusehen, zu spüren und in beinah masochistischer Manier auszukosten.

Strahlen

Sie waren wie schwarzer, diamantharter Granit, doch je mehr ich sie zuließ, mit meinem Wesen beatmete, je mehr ich sie mit meinem Bewusstsein umfing und damit Teil von mir machte, desto mehr fingen mein Herz und meine Schädeldecke das Strahlen an. Ich konnte es so deutlich fühlen, dass ich meinte, die Sonne selbst schiene daraus hervor.

Ein sehr schönes und fast überwältigendes Gefühl war das, aber plötzlich sah ich mich transportiert und glitt durch einen finsteren Tunnel, der an seinem Ende mich in eine Höhle führte, die sich wie ein steinerner Dom in die Dunkelheit erstreckte, und erfüllt war vom kühlgrauen Licht einer stillen Vollmondmacht.

Pfuhl

In ihrer Mitte befand sich ein kristallklarer See, dessen spiegelglatte Oberfläche aussah wie flüssiges Silber. Wieder stieg eine Erinnerung in mir auf, dieses Mal war es die denkwürdige und schicksalhafte Vision, die ich während meiner Wanderung in den Pyrenäen vor unzähligen Jahren erlebt hatte.

Doch dieses Mal war es kein Ekel erregender oder gar bedrohlicher Pfuhl.
Dieses Mal zögerte ich nicht, hinein zu springen…

Kaltes Licht

…Winzige Luftbläschen umspielten meinen Körper wie seidene Perlen oder Murmeln aus feinstem Glas, in denen sich das kalte Licht jenes mystischen Ortes spiegelte.

Es war diese Empfindung, die erneut einen (T)Raumsprung auslöste.
Nun befand ich mich auf der Terrasse eines Hauses, die ein weites, tiefes Tal überblickte, an dessen angrenzenden Hängen eine große Stadt lag. Es war eine sternenklare Nacht, ein graues Zwielicht, ähnlich dem in der Höhle zuvor, regierte die Welt.

Bedauern

Vor mir an der Brüstung stand eine zierliche Frau, umhüllt von einem Hijab-Gewand, dessen Farbe von dem alles bestimmenden Dämmerlicht vollständig aufgesogen wurde.
Ich konnte nicht sagen, wo ich mich befand oder welches Jahr geschrieben stand, ich wusste nur und mit absoluter Klarheit, dass es vor undenklichen Zeiten gewesen sein musste.

Der Mantel der Zeit schien sich dunkel wie das Himmelsgewölbe über die ganze Szenerie zu spannen, halb verborgen in den Schatten jener Zwischenwelt. Ich fühlte Trauer und ein tiefes Bedauern, aus einem Impuls heraus stelle ich mich hinter das weibliche Wesen, das, wie mir nun klar wurde, meine Ehefrau war, wie um sie zu beschützen und zu trösten.

Allein

Und damit war das Gesicht zu Ende.
Noch immer verwirrt und einigermaßen ratlos erhob ich mich schließlich, um in schimärenhaften Gedanken verloren zu frühstücken; die Sonne musste an jenem Morgen ohne mich aufgehen.

Mit gemischten und flatterhaften Gefühlen im Bauch marschierte ich zum Harar-Tor, um einen Minibus nach Babille zu erwischen, wo an dem Tag ein Viehmarkt stattfand.
Vielleicht runzelt Ihr in diesem Moment die Stirn und denkt Euch what-the-fuck, aber der Lonely Planet pries die atmosphärische Atmosphäre an selbigem Ort, wo neben den allenthalbenen Rindern, Ziegen und Eseln unter anderem auch Kamele feil geboten wurden.

Prairie

Why not. Die Fahrt führte einmal mehr durch eine annehmliche, prairiehafte Gebirgslandschaft, schon wähnte ich mich zurück auf jener grandiosen Tour durch die Berge um Harar vor fünf Tagen.

In einem Dorf machten wir kurz Halt, und es kam zu einer noch kürzeren, dafür aber umso heftigeren Auseinandersetzung, wer von den am Straßenrand Wartenden mithin als Auserwählte in den ohnehin überfüllten Minibus steigen dürften. Dessen ungeachtet versuchte ein junges Mädchen mitten in der aufgebracht plappernden Menge, stoisch und ungerührt, Zuckerrohr an den Mann zu bringen.

Wunderschön

Kaum eine Stunde nach Abfahrt erreichten wir Babille, ein typisches Kaff entlang der Hauptstraße, und ich wurde wieder von zwei netten Herren zum gelobten Viehmarkt geführt. Atmosphärisch war er allemal, denn in seiner Knochendürre lag er anmutig auf einer Hügelkuppe, die sodann steil abfiel in ein wunderschönes Tal.

Camel allä?

Alles war braun und felsig und schroff, doch da unten, weit in der Talsohle zog sich ein grüner Streifen Leben längs durch die Senke, was auf einen Flusslauf schließen ließ.
Es gab Vieh, es gab Marktgeschrei und -gestöber, aber von den versprochenen Kamelen weit und breit keine Spur.

„Camel allä?“ Gibt es hier irgendwo Kamele? Eine kompetent dreinblickende Matrone meinte nur: „Hulätt sa’at!“ Aah, alles klar. – Aber Moment, heißt das jetzt, die Kamele kämen in zwei Stunden oder um zwei Uhr Nachmittag?
Wenn Kommunikation an ihre Grenzen stößt: „Iiichh werrde diese Schallplatte niichht kaufennn, sie ist zerrkrratzt!“

Gleichmütig

Gleichmütig zuckte ich mit den Schultern und wanderte zurück in die Stadt, um in der relativen Zwischenzeit bunna zu trinken und Tagebuch zu schreiben.
Okay, nächster Versuch. „Camel allä?“ – Kopfschütteln: „Yelem.“ Is nich.
Mit dem Wildlife scheint es somit noch zu hapern auf meiner Reise durch Äthiopien.

Im Negeyo

Stattdessen fuhr ich in der Gesellschaft von drei hinreißenden und graziösen Mädchen auf der Vorderbank, die aussahen wie antike Statuen aus Ebenholz und Porzellan, wieder zurück nach Harar und setzte mich planmäßig zufrieden an meinen Stammtisch im Negeyo.

Etwas weniger graziös wirkten die armen Ziegen, die unter meiner Sitzbank eingezwängt dalagen und bei jeder Bodenwelle empört blökten. Der deutsche Tierschutzbund hätte seine helle Freude in diesem recht rabiaten Land.
Mir reichte es dann auch, und mein Sinn wandte sich neuen Orten zu.

Rabiat

Viehmarkt

Neue Orte

Abfallen

Babille

Leben

Trost

Oberfläche

Schatten

Stadt

Tor

Straße

Atmosphäre

Reicht

Unterbewusstsein

————————-

Bitte umblättern: Pfeifenkonzert…

Post a Comment